Frauen Im Islam - Stellenwert des Islam bei den Muslimen

Dipl. Pädag. Marianne GELLNER, Karlsruhe

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Der Islam beschränkt sich nicht nur auf den religiösen Lebensbereich der Gläubigen, sondern nimmt allumfassend Einfluß auf sämtliche Lebensbereiche: der Islam ist ethisches und praktisches Gesetz (Dogmatik, Moral, Privatrecht und ein großer Teil des öffentlichen Rechts, Strafrecht, Steuersystem, Sozial- und Wirtschaftsethik sowie Völkerrecht). Oft werden Prinzipien und Verhaltensregeln dem Islam zugeschrieben, die eigentlich Traditionen, Sitten und Gebräuchen aus der vorislamischen oder aus der Zeit nach der Entstehung des Islam entspringen. Im religiösen Leben der türkischen Bevölkerung müssen zudem die vielfältigen Kulturtraditionen des Vielvölkerstaates (Kurden, Araber, Türkmenen, Tscherkessen etc.) berücksichtigt werden. Daneben existieren in der Bevölkerung weiterhin volkstümliche Magie und Aberglaube, z.B. Augenamulette gegen den bösen Blick (nazarlik). Außerdem gibt es keine einheitliche, allgemein gültige Auslegung des Korans, sondern es entwickelten sich verschiedene Rechtsschulen und Glaubensrichtungen; erwähnt seien noch muslimische Vereinigungen und Koranschulen, die wiederum eine bestimmte Richtung vertreten. Zusammenfassend läßt sich sagen: "Die Stellung der Frau im Islam ist ein komplexes Thema. Sie variiert von Land zu Land und innerhalb einzelner Länder spielt das Stadt-Land-Gefälle eine beträchtliche Rolle. Viele die Frau betreffenden Verhaltensweisen und Tabus sind nur teilweise religiös bedingt. Mannigfache kulturelle Faktoren und teilweise auch Bestandteile eines vorislamischen Gewohnheitsrechts sind für eine Gesamtbeurteilung notwendig. Auch der ausgeprägte Ehrbegriff in Bezug auf weibliche Familienangehörige hat seine Ursachen nicht ausschließlich im Islam. Vielmehr handelt es sich um typische Merkmale patriarchalischer Gesellschaften, die auch im christlichen Orient, im orthodoxen Judentum und in Ländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung (Spanien, Italien, Lateinamerika) anzutreffen."

Das islamische Recht (sharia)

Das islamische Recht, sharia, wird aus dem Koran, der Sunna (=Gewohnheitsrecht, Tradition), dem Konnsensus (Idjma) und dem Analogieschluß (Qiyas) abgeleitet. Es wendet sich an die "Umma" (Volk), die Gemeinschaft der Muslime auf der ganzen Welt. Der Koran (al-Qur`a), wörtlich "Rezitation, Lesung" besser übersetzt mit "Verkündigung, Offenbarung" gilt als göttliches Werk, sowohl in seiner Schrift als auch in seiner Sprache (wegen der Einzigartigkeit und Göttlichkeit des Korans soll der Muslim ohne vorherige rituelle Waschung den Koran nicht lesen oder hören). Er ist Mohammeds authentisches Werk und enthält in 114 Suren ungleicher Länge die Offenbarungen Allahs an Mohammed. Er wird nicht einfach gelesen, sondern mit lauter Stimme rezitiert. Die Suren des Koran lassen sich leicht, je nach Entstehungszeit, in mekkanische und medinische Suren unterscheiden.

Nach dem Tode Mohammeds reichte der Koran allein nicht mehr aus, um auf Fragen in Glauben und Verhalten Antwort zu geben. Deswegen berief man sich immer wieder auf das, was der Prophet gesagt oder getan hatte. Diese Aussagen und Verhaltensweisen Mohammeds, die den Koran deuten, sind Gegenstand der Überlieferung, der sog. Hadithen oder Ahadithen (wörtl. Mitteilungen). Die Gesamtheit der Hadithen bildet die Sunna (Gewohnheit, Tradition). Die mündlich überlieferten Hadithen setzen sich aus der eigentlichen Erzählung (matn) und der Zeugenkette (isnad), die die Glaubwürdigkeit der Aussage sichern soll, zusammen. Durch ihren anschaulichen Erzählstil sind die Hadithen tiefer im Bewußtsein der Bevölkerung als die auf arabisch rezitierten Suren des Koran, die viele Gläubige nicht unbedingt verstehen oder interpretieren können. Als auch Koran und Sunna nicht mehr ausreichten, um die immer komplizierter werdenden Fragen des Zusammenlebens zu beantworten, wurden der Analogieschluß (ähnliche gelagerte Fälle aus dem Koran oder der Sunna) und der Konsensus (eine Antwort, auf die sich die Rechtsgelehrten einigten) hinzugezogen. Aber sowohl die Verse des Korans als auch die Lehren des Propheten sind im Laufe vieler Jahre entstanden. Sie haben zeitlich keinen gemeinsamen Ursprung, sondern jedes Prophetenwort und jeder Vers bezog sich auf eine bestimmte Situation oder einen besonderen Fall. Da ihre Entstehungsbedingungen in Zeit und Ort einmalig waren, sind die Weisungen und Lehren oft widersprüchlich. Zumindest sind die dort eingenommenen Haltungen nicht ohne weiteres auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dies betrifft speziell Aussagen über das Leben und die besonderen Belange von Frauen. Außerdem "blieb der Hadith, anders als der Koran, der sehr bald nach Mohammeds Tod abgeschlossen wurde, für Ergänzungen offen und war damit über die Jahrhunderte hinweg recht anfällig für "Berichtigungen" frauenfeindlicher Gelehrter und mächtiger Interessengruppen, obwohl man sich bemüht hat, Hadith fragwürdigen Ursprungs auszuscheiden." Ein falscher Hadith konnte zur Legitimation einer bestimmten Haltung benutzt werden, da der Prophet dies angeblich gesagt oder getan hatte. So entstand eine ganze Wissenschaft zur Aufspürung erfundener Hadithen, "denn der Islam erlaubt ein Verfahren, das "Igtihad" genannt wird: eine Art originären Quellenstudiums, bei denen eine Auslegung nicht in Wiederholung und Nachahmung besteht" , sodaß "in der religiösen Literatur eine Debatte niemals abgeschlossen wird." Im 11. Jahrhundert wurde die sharia zum unabänderlichen Gesetz, weitere Koranexegese- und interpretation erschien nicht mehr nötig, da alle Fragen durch die vorliegenden Rechtsgesetze gelöst wären. Angaben über die Stellung der Frau im islamischen Recht lassen sich vor allem in der Nisa-Sure (Die Frauen-Sure, Sure 4) finden, in der Heirats-, Scheidungs-, elterliches Recht und Erbangelegenheiten verbindlich geregelt sind.