Überlegungen und Thesen zur Frauenfrage im Islam und
die Rolle der Religion in säkularisierten islamischen Gesellschaften

Anıl Kaputanoğlu, Karlsruhe

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 |

Geschichte der Schleierfrage:

Sie gilt allgemein als Symbol der Unterdrückung der Frau und islamischer Identität. Der Schleier hat in seinen verschiedenen Formen in der Kulturgeschichte unterschiedliche Bedeutung. Im arabischen Mekka galt er als Statussymbol für städtische Frauen, er kennzeichnete den sozialen Rang in Abgrenzung zu den Nomadinnen und Sklavinnen. Im 8. Jh. institutionalisierte der Islam den Schleier und übernahm das Haremssystem der Perser und Byzantiner. Die Frauen wurden somit vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Der Koranvers 33.59 kann die Sonderstellung der Frauen Mohammeds und die der Gläubigen meinen: ihre Unterscheidung zu den Sklavinnen, aber auch zu Jüdinnen und Christinnen. Der Schleier galt im algerischen Unabhängigkeitskrieg als Symbol des national-religiösen Widerstands. Heute erscheint er im Zusammenhang mit politisch-religiösen Forderungen als Symbol islamischer Identität im Konflikt mit dem säkularisierten Staat. Doch hier muß eine Unterscheidung unternommen werden zwischen dem traditionellen Kopftuch der z.B. anatolischen Frauen auf dem Lande und dem Kopftuch bzw. dem Umhang, den Turban, im politisierten Islam. Auch gibt es vielfältige Formen des Schleiers je nach islamischer Sekte. Nebenbei bemerkt: ein langer männlicher Bartwuchs gilt in Kreisen des politisierten Islam sowie bei orthodoxen Juden ebenfalls als Symbol der religiösen Identität und Zugehörigkeit.

Sonderstellung der Türkei in der islamischen Welt:

Die Türkei übernahm nach der Revolution eine radikale Lösung einer Verweltlichung (Säkularisierung) aller Lebensbereiche von Frankreich. Dieser sog. Laizismus-Prinzip unterscheidet sich grundsätzlich vom Säkularisierungsverständnis in Deutschland. Laizismus bedeutet eine radikale Trennung von Staat bzw. Politik und Religion und ist in seinen Ausmaßen der Verweltlichung umfassender. Der französische Staat unternahm im 19. Jh. mehrere Reformen um den kirchlichen Einfluß aus den Schulunterricht zu verdrängen. Religiöse Symbole wurden vom öffentlichen Leben verbannt. Der Staat garantierte die Aufrechterhaltung der Trennung eines privaten religiösen Bereichs vom öffentlichen Leben. Diese Art der Säkularisierung besteht in Deutschland nicht. Die Kirchensteuer belegt dies. Der Einfluß der Kirche auf den Lehrplan im Schulunterricht ist sehr groß. Die Übernahme des Laizismus-Prinzips war im Fall der Türkei notwendig um die Reformen und die allmähliche bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Frau zu verwirklichen. Der gewaltsame Übergang vom osmanischen Feudalsystem zu einer modernen kapitalistischen Gesellschaftsordnung sollte durch die Trennung von Politik und Religion gewährleistet sein. Der Einfluß des Islam sollte sich nur auf den privaten Bereich beschränken. Um diese Trennung aufrechtzuerhalten wurde das Amt für Religiöse Angelegenheiten gegründet das Erziehungs- und Bildungssystem wurde laizistisch. Den Religionsunterricht in der Schule gab es nicht. Das Amt übernahm die religiöse Unterweisung im privaten Bereich.

In den letzten Jahrzehnten hat im Nahen Osten und in der Türkei der Einfluß eines zunehmend politisierten Islam, der nicht nur auf den privaten Bereich beschränkt bleibt, zugenommen. Wie kann nun die Frauenfrage in der islamischen Welt mit ihren regionalen Unterschieden bewertet werden? Vor allem in der Türkei entstand eine heftige Debatte um die Religionsfreiheit als Gruppen von Studentinnen das Tragen des Schleiers bzw. hier des Umhangs gefordert haben. Die Diskussion um die Schleierfrage scheint ein weiterer Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit dem politisierten Islam zu sein. Doch die Frauenfrage ist noch nicht gelöst.