Überlegungen und Thesen zur Frauenfrage im Islam und
die Rolle der Religion in säkularisierten islamischen Gesellschaften

Anıl Kaputanoğlu, Karlsruhe

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Der Islam sowie der Koran ist in den Aussagen über Frauen ambivalent. Einerseits sind Mann und Frau gleich vor Gott (vgl Sure 4.32 und 33.35). Andererseits besteht Ungleichheit in den privaten und sozialen Beziehungen durch die Polygamie, das Erbrecht, die Sexualität (vgl. Anhang). Doch wie können diese Widersprüche gedeutet und diese Verse aus heutiger Sicht verstanden werden? (Probleme entstehen schon bei den Übersetzungen der Verse. Die vorhandenen deutschen Übersetzungen weichen hier auch stark voneinander ab. Es soll aber in diesem Beitrag die These vertreten werden, daß aus historischer Sicht der "Islam" durchaus als eine patriarchalische Religion versteht. Die männliche Sicht einer Religionsgemeinschaft gilt ebenso sehr für die anderen Weltreligionen.) Mernissi sagt dazu: "Der Islam nennt sich Religion der Ayat, was gewöhnlich mit "Verse" übersetzt wird, was aber wörtlich "Zeichen", im semiotischen Sinn, bedeutet. Der Koran ist eine Summe von Zeichen, die von der Vernunft, "Aql" entschlüsselt werden müssen, einer Vernunft, die den einzelnen zum Verantwortungsträger macht und ihn über sich selbst verfügen läßt" (Mernissi, Der politische Harem, 250).

Historischer Rückblick:

Daher ist zunächst die historische Sicht der Entstehung der Koranverse wichtig (vgl. dazu vor allem Rodinson, Mohammed). Die Entstehung des Islam geht zurück auf die Zeit zweier konkurrierender Reiche im 6. bis 7. Jahrhundert, des byzantinischen und des persischen Reiches. Die arabischen Stämme selbst waren untereinander zerstritten, eine Einheit der Araber kam bis zur Verbreitung des Islam nicht zustande. Ein weiterer ökonomischer Faktor, der die Entstehung des Islam begünstigte, war die Ausbildung von Handels- und Finanzzentren - vor allem in Mekka - mit kapitalistischen Strukturen. Der soziale Wandel beruhte auf der Auflösung alter Stammesstrukturen, in der das Gewohnheitsrecht und die Stammessolidarität bisher galten. Die Beurteilung des sozialen Ranges nach den Fähigkeiten und den Leistungen des Einzelnen, nicht mehr der Geburt, führten zu einer sozialen Differenzierung. Die Ungleichheit zwischen Städtern und Nomaden, Städtern und Sklaven wurde größer.

Der Islam bei seiner Entstehung propagierte aber eine Gleichheit - die vor Gott. Damit stellte er aber den Polytheismus der Mekkaner infrage. Die Ersten, die sich Mohammed anschlossen, kamen hauptsächlich aus den verarmten und unteren sozialen Schichten. Diese neue Situation führte zur Auseinandersetzung Mohammeds mit dem ökonomisch und politisch mächtigen Stamm der Kureish, die als Hüter der Kaaba, dem Heiligtum der heidnischen Mekkaner, ihre Vormachtstellung gefährdet sahen. Die neue muslimische Gemeinde mußte 622 auswandern aus Mekka. Dieses Exil konnte aber nur durch ein politisches Zweckbündnis mit Medinensern geschehen, die Mohammed und seinen Anhängern Schutz gewährten. Mohammed selbst konnte bei einem Streitfall unter den Medinensern als Vermittler dienen. Bei Medina entstand die erste muslimische Gemeinschaft mit diesen Helfern, Juden und den Auswanderern. Mohammed war ihr militärisches Oberhaupt, Schiedsrichter und Gesetzesgeber. Die Entstehung der Koranverse und die Unterscheidung in mekkanische und medinensische Suren ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Die Verse der zweiten Periode enthalten lange Erklärungen über Vorschriften, Gebote, Verbote und Ermahnungen, die zur Regelung des sozialen und privaten Lebens notwendig waren. Die Ausgrenzung von Heuchlern, Betrügern und die Abgrenzung von den beiden anderen Buchreligionen entstand.

Auch im Falle der Geschlechterbeziehungen, des Familien- und Erbrechts, mußten Vorschriften und Gebote erfolgen. Die genannten Verse über die Stellung der Frau führten im Vergleich zur vorislamischen Zeit zu einer relativen Besserstellung ihrer Position innerhalb der noch bestehenden patriarchalischen Gesellschaft. Sie garantierten Schutz vor der Willkür des Mannes, z.B. in der Morgengabe, der Wartezeit (vgl. dazu Anhang). Die Beurteilung der Koranverse über die Frauen ist aus heutiger Sicht sehr schwierig. Die Diskussion, vor allem um die aktuelle Schleierfrage, führt zu heftigen Debatten und in einigen Ländern zu politischen Krisen(z.B. Frankreich, Türkei). Die Rechtfertigung der Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Bereich durch den Hijab-Vers ist ebenso diskriminierend. Ein weiterer Aspekt bei der Diskussion um die Frauenfrage ist die Berücksichtigung der Tradition in der Überlieferung der Worte und Taten Mohammeds, den Hadithen. Einige ´falsche` frauenfeindliche Hadithe möchte Mernissi nachgewiesen haben. Doch vor allem soll es nun um ´den` Schleier gehen (vgl. dazu Enderwitz).