Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Zum Thema Arbeitshaltung möchte ich einen Mitarbeiter zitieren:

- Ja, die Mädchen, das ist immer die andere Seite der Medaille. Weil die werden nämlich ganz stark sozial orientiert, schon in der Kindheit. Die älteren Schwestern müssen die jüngeren Brüder verpflegen. Das heißt, die werden ganz strikt... das wird einfach erwartet; die werden sozial orientiert... Die sind immer offen für eine Diskussion, ansprechbar, mit denen kann man reden, diskutieren. Während die Jungs, das sind Rabauken.

Oder eine andere Stimme aus einer AbH-Maßnahme:

- Besonders die Türkinnen sind sehr motiviert. Sie, wie auch andere weibliche Ausländer, haben eine höhere soziale Kompetenz, also einen besseren Umgang untereinander; einschließlich den Deutschen gegenüber. Sie vermitteln mehr und helfen anderen auch eher. Zum Beispiel bei den kaufmännischen Berufen sind die ausländischen Frauen sehr gut angesehen, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Die Firmen suchen sich auch schon die netten Türkinnen aus. Wichtig ist die soziale Kompetenz der Türkinnen, mit der sie den Deutschen überlegen sind. Mädchen kommen aufgrund ihrer Sozialisation besser mit informellen und weniger autoritären Strukturen zurecht. Sie zeigen sich kommunikativer und es fällt ihnen auch leichter z.B. Mitarbeitern gegenüber von ihren Problemen zu sprechen. Sie müssen keine den Jungen vergleichbare Stärke nach außen zeigen. So gibt es auch weniger Autoritätskonflikte zwischen ihnen und Mitarbeitern. Konfrontiert werden insbesondere die Mitarbeiter von Maßnahmen jedoch mit innerfamiliären Konflikten, die die Mädchen oftmals sehr belasten und ihren beruflichen Weg erschweren und behindern. Der Verlust einer gewissen Selbstverständlichkeit von der weiblichen Rolle und entsprechen Werten zu einer Verunsicherung in der Orientierung sowohl innerhalb der Familie als auch beim Mädchen selbst. Psychosomatische Erkrankungen sind oftmals als ein Ausdruck dieses Konfliktes anzutreffen.

Ich möchte nun etwas ausführlicher das Beispiel eines türkischen Mädchens vorstellen, das das Spektrum möglicher Problemstellungen veranschaulicht. Ich zitiere eine Mitarbeiterin:

- Die Can stammte aus einer türkischen Familie, die hier in Berlin schon längere Zeit arbeitete. Der Vater ist hier ein strebsamer Arbeiter und auch froh, daß er seinen Job noch hat. Der ältere Bruder hat hier auch eine Stelle; ist seit kurzer Zeit verheiratet; die Frau hat ein Kind gekriegt. Dann hat Can noch zwei oder drei Geschwister. Die Eltern hatten eigentlich so die Auffassung, Can soll in der Türkei verheiratet werden. Als wir damals zum Hausbesuch bei den Eltern waren, sagten sie: Ja, wir haben einen Mann für Can. Das ist ein guter Mann, der raucht nicht, der trinkt nicht und hat Arbeit in der Türkei. Und deswegen hat der Vater eigentlich gar nicht angesehen, daß Can nicht wollte. Aber Can hat sich ganz schön europäisiert hier, weil sie lange Zeit zur deutschen Schule gegangen ist; also letztendlich mit der deutschen Sprache auch nicht so große Probleme hat. Und deswegen: Can wollte unbedingt einen Beruf haben und vor allem einen Beruf in Richtung Soziales: Kindergärtnerin oder sowas in dieser Richtung wollte sie werden.