Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Unterbrechung:

Hier wurde das Thema Heirat und berufliche Bildung angesprochen. Unter anderem Mitarbeiterinnen eines türkischen Frauenladens bezeichneten es als einen typischen Konflikt vieler Mädchen, diese beiden Dinge nicht zusammenbringen zu können. Obgleich viele Mädchen in Maßnahmen zielgerichteter als die Jungen an eine Ausbildung herangehen, ist ihnen und ihren Familien eine Berufsausbildung oder eine später folgende entsprechende Erwerbsarbeit nicht selbstverständlich. Für die Mehrheit der Mädchen steht eine Heirat an erster Stelle in ihren Lebensvorstellungen. Aber sie wollen nicht so früh heiraten - eine Ausbildung dient, wie auch in der Türkei, dem Hinausschieben des Heiratsalters - sie wollen sich ihren Ehepartner selbst aussuchen, da sie oftmals aber nicht wissen, wie sie einen Mann kennenlernen können, ist die Initiative von Eltern und Verwandten gegeben; und sie äußern den Wunsch nach Gleichberechtigung und Partnerschaft in der Ehe, oftmals ohne genauere Vorstellungen davon zu haben, wie das im Alltag aussehen könnte. Nicht wenige Mädchen möchten nach einer Heirat und der Geburt von Kindern zumindest die ersten Jahre keiner Erwerbstätigkeit nachgehen; dies u.a. auch deshalb, weil sie die Doppel- und Dreifachbelastung ihrer Mütter erleben mußten. Es entspricht zudem einem Ideal, das auch in der Türkei anzutreffen ist: weder auf dem Feld arbeiten, noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu müssen und "nur" Hausfrau und Mutter sein können. Diese Haltung führt nicht selten dazu, daß man eine Berufsausbildung für eine Sicherung in Notzeiten haben möchte. Auf welche Schwierigkeiten die Wiederaufnahme des Berufes nach einer jahrelangen Unterbrechung stößt, ist allgemein bekannt. Oder es werden z.T. auch Berufe erlernt, die nicht unbedingt eine Lebensperspektive darstellen sollen, sondern vielmehr im Alltag für die eigene Person und die Familie von Nutzen sind; etwa Schneiderin oder Frisöse. Auch das kennt man von der Türkei; solche Berufe können es einer Hausfrau und Mutter ermöglichen, zum Haushaltseinkommen beizutragen, etwa als Näherin für die Nachbarschaft. Aber diese Haltung wandelt sich langsam. Zwar beschränken sich weibliche türkische Jugendliche immer noch auf wenige Berufe, der Trend sind auch anderen Berufsfeldern zuzuwenden, nimmt jedoch zu und verdient meines Erachtens gezielte Unterstützung.

Zurück zu Can: "Der Vater hat dann gesagt: Gut, ok. Can, wenn du das machen willst, dann kannst du es tun. Aber du mußt auch unsere Vertrauensbasis bestätigen und bitte enttäusch uns nicht. Er hat dann so Beispiele gebracht - die wohnen in Kreuzberg, in dem hinteren Teil von SO 36 - und der Vater wie auch die Mutter, die beide sehr schlecht Deutsch sprechen, haben unheimliche Angst um ihre Kinder. Gerade weil sie in der ganzen Umgebung diese Rauschgiftszene mitkriegen, diese Gewalt und Brutalität ebenso; auch die Gewalt der Banden. Und deswegen hat der

Vater auch grundsätzlich immer den Mädchen den älteren oder den jüngeren Bruder mitgeschickt, daß die also nicht alleine gehen".