Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Unterbrechung:

Die Ehre der Töchter und damit die der gesamten Familie wird in der BRD als gefährdeter angesehen als unter den dörflichen Lebensbedingungen in der Türkei. Folglich unterliegen Mädchen hier oftmals einer strengeren Kontrolle von Seiten der Familie - und der Verwandten im Kiez - als in einem türkischen Dorf. Das empfinden auch viele Mädchen subjektiv so. Nicht immer jedoch ist die Kontrolle möglich, und so müssen sich viele Eltern "einfach auf die Tochter verlassen"; sie müssen ihr vertrauen. Dazu ist eine Verinnerlichung der Werte von Seiten des Mädchens nötig. Viele Mädchen nutzen aber auch den Raum und fangen an zu tricksen. Ich komme noch auf diesen Punkt zurück. Für die berufliche Bildung bedeutet der Schutz der Ehre der Tochter nicht selten, daß Eltern eine Ausbildungsstelle ablehnen, die relativ weit vom Elternhaus entfernt ist. Das Empfinden der Gefährdung der Tochter hat sich in den letzten Jahren durch die Zunahme von Rauschgiftkonsum und Gewalt - eben auch unter den türkischen, zumeist männlichen Jugendlichen - verstärkt. Der Bezirk Kreuzberg ist in zunehmendem Maße für türkische Eltern ein Ort derartiger Gefährdung geworden. Da jedoch recht viele Träger von Maßnahmen hier angesiedelt sind, ist dieses ein Problem. Es sei hier noch ein anderes Moment genannt, bei dem der Schutz der Ehre des Mädchens in Konflikt geraten kann mit der beruflichen Ausbildung. Es ist das Urlaubsproblem. Fahren die Eltern zu einer anderen Zeit oder länger, als die Tochter Urlaub hat, ergibt sich das Problem: wohin in der Zeit mit der Tochter. Nicht selten fährt diese mit in die Türkei und es kommt zu Auseinandersetzungen mit den Mitarbeitern einer Maßnahme, auf dem ersten Ausbildungsmarkt nicht selten zu Kündigungen. Ich zitiere hierzu eine Berufsberaterin:

"Mädchen bleiben in der Urlaubszeit prinzipiell überhaupt nicht in Deutschland. Und danach gucken sie dumm. Sie wissen eigentlich ganz genau, was auf sie kommt, aber sie sagen: Ich kann nicht ändern, ich muß mit meiner Familie fahren. Und die Verwandten sind ja auch alle Weg. Und dann sind sie erst einen Monat später aus dem Urlaub zurück. In der Schule, ok. da wird eine Auge zugedrückt, aber in der Ausbildung! Die brauchen gar nicht erst anzufangen, wenn sie einen Monat später kommen."

Zurück zu Can: Can begann also in der Maßnahme, um den Hauptschulabschluß nachzuholen und eine Berufvorbereitung im sozialen Bereich zu machen.

Dort kam sie in Kontakt mit der Teilnehmerin Eva, "die tablettenabhängig war bzw. nachher auch gedrückt hat. Und dann kam diese Situation, wo der Bruder die Can gesucht hat. Es wurde spätabends. Der Bruder wußte, daß sie sich irgendwo bei dieser Eva aufhalten könnte. Ist dahin gegangen; kommt in die Wohnung und da war doch die Situation, wo die Eva eine zu hohe Dosis zu sich genommen hatte, auf dem Boden lag und ein weiter Typ völlig hinüber da in der Ecke rumlag und Can in der Gegend rumflitzte und auch gar nicht wußte, wie sie helfen kann, aber irgendetwas machte. Und in dieser Situation ist der Bruder da reingekommen. Der raucht auch hier und da Haschzigaretten, wo er auch schon bei erwischt worden ist. Aber das wird in der Familie so ein bißchen weggesteckt, weil sie denken: wenn der älter wird, kriegt er das geregelt. Während bei den Mädchen natürlich diese große Angst vorhanden ist. "