Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Bei dem Mädchen Can kam die - real oder empfundene - Gefährdung durch ihren Kontakt zur abhängigen Eva. Ich denke, daß Can real nicht gefährdet gewesen ist, in diese Szene hineinzukommen. Sie wollte helfen, sich um jemanden kümmern. Eine real oder/und empfundene Gefährdung der Mädchen, ihrer Ehre, kann auf ganz unterschiedliche Weise bzw. in unterschiedlichen Bereichen entstehen. Die größte Angst der Eltern bezieht sich auf eine Gefährdung im sexuellen Bereich, da dieser die Ehre eines Mädchens im Kern verkörpert. Was passiert nun? Wie reagieren Eltern und wie Mitarbeiter von Maßnahmen?

Dazu weiter Can: "Naja, auf jeden Fall holte der Bruder sie da raus. Und die Angst der Eltern war natürlich so groß, daß sie sagten: Du gehst nicht mehr aus dem Haus; Du gehst nicht mehr in diese Maßnahme; kommt gar nicht in die Tüte. Und sie wurde eingesperrt, Tür zu. Und wir hatten nun auch von Can nichts mehr gehört. Und dann irgendwann tauchte sie nachmittags wieder hier auf und hat gesagt, daß sie die Möglichkeit des Abhauens halt genutzt hat und sofort hierher gekommen ist. Sie weinte fürchterlich... Wir sind dann abends mit der Can zur Familie gegangen. Wir sind dann so mit ihnen verblieben und auch Can war dazu bereit, daß Can versuchte jetzt auch den Eltern gegenüber wieder so eine Vertrauenbasis aufzubauen; indem dann der Vorschlag kam, sie könnte doch so ein Heftchen führen, ein Anwesenheitsheftchen, wo wir mit Stempel und Unterschrift eintragen würden, wann sie kommt, wann sie geht und der Vater dann genau sah: sie braucht so und so lange für den Heimweg. Und der Vater hat dann wieder gegengezeichnet: sie ist zuhause angekommen. Can war damit einverstanden; der Bruder auch... Haben wir gesagt: Gut so Handhaben wir das: dann kann Can hierbleiben. Und Can war eigentlich ganz glücklich und die Familie auch. ...Ja, das mit Can ging eine Zeitlang gut. Das klappte hervorragend. Can war zuverlässig; zeigte uns das Heftchen. "

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Dieses Beispiel zeigt, wie Kompromisse und Lösungen gesucht und gefunden werden können. Auch auf dem ersten Ausbildungsmarkt gibt es z.T. Bemühungen um Kompromisse zwischen Betriebs- und Elternwünschen. Ein Beispiel aus dem Frisörbereich; der Geschäftsinhaber berichtet: "Ich hatte zum Beispiel Lehrlinge, die hatte ich nach Westdeutschland für acht Wochen in die Schule geschickt und mit den türkischen Mädchen, da haben die Eltern gesagt, kann ja alleine nicht hin, das geht also gar nicht ohne den Schutz der Familie zu sein. Das haben wir auch irgendwo eingesehen, aber ich habe immer darauf bestanden, wenn also hier so Modeveranstaltungen waren, dann bin ich immer mit dem ganzen Laden hin und dazu gehören auch die türkischen Mädchen und ich habe den Eltern gesagt, daß ich danach immer noch mit dem ganzen Laden Essen gehe und wenn es dann spät wurde, dann hab ich die nachhause gefahren. Da gabs von der Seite her keine Probleme. Die Eltern haben gesagt: Also ok., wenn Sie dabei sind, kein Problem. " Aber Kompromisse können auch auf wackeligen Füßen stehen. So bei Can, denn es ging nur eine Weile gut.

Dann: "Can kam plötzlich nicht mehr. Da haben wir gedacht, sie ist krank. Am nächsten Tag kam sie mittags hier rein und sagte, sie sei krank und ihr Bruder stehe unten mit dem Auto und warte auf sie. Sie müsse jetzt ins Krankenhaus. Sie habe etwa am kleinen Zeh, was da wegoperiert werden müsse. Wir haben gesagt: Ist ok., Du bringst uns dann eine Bescheinigung. Tschüß. Sie verschwand. Am nächsten Tag kam sie natürlich nicht. Wir dachten, ja sie ist noch krank. Dann in der nächsten Woche kam sie wieder nicht. Wir haben dann zuhause angerufen und dort hieß es: die ist noch in der Schule. So. Und in dem Moment wußten wir, sie hat uns angelogen und die Familie; irgendwas ist da schon wieder. Am gleichen Tag kam der Bruder und alles stellte sich als eine Lüge heraus. Er guckte uns mit großen Augen an und sagte: Wer ist mit Can ins Krankenhaus gefahren!? Can ist doch in der Schule gewesen und von der Schule aus einmal zu einer Exkursion in ein Krankenhaus... Es stimmte also nichts. Als Can von der Familie und der Maßnahme zur Rede gestellt wird, versucht sie zunächst, nicht die Wahrheit zu sagen. So und dann hat der Bruder mir die Can noch mal gegeben; er meinte: Sprechen Sie mal mit ihr; sie lügt uns nur an. Ich hab sie dann dringend gebeten, jetzt endlich die Wahrheit zu sagen, was sie in den fehlenden Tagen gemacht hat. Ja, und dann kam raus: Sie war die ganzen drei Tage bei Eva gewesen... Sie hat sich für sie verantwortlich gefühlt. Wir hatten ihr diesen Kontakt verboten. Das war ja auch die Bedingung der Eltern gewesen. Die Folge von all dem war dann natürlich: raus aus der Maßnahme.