Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Die "Lüge" Was hier als Lüge erscheint und wodurch sich Eltern wie auch die Mitarbeiter der Maßnahme betrogen fühlten, sehe ich nicht als einen Einzelfall an. Mir wurde des öfteren von derartigen "Lügen" der türkischen Mädchen berichtet. Ich denke, daß sich hinter einem solchen Verhalten von Mädchen eine Strategie verbirgt, die es ihnen zu erlauben scheint, Anforderungen, die an sie gestellt werden und eigene Bedürfnisse, Vorstellungen, u.a. verbinden zu können, ohne auf Bedürfnisse verzichten und/ oder Anforderungen zurückweisen zu müssen. Oder auch der Versuch, sich widersprechenden Anforderungen gerecht zu werden, z.B. denen der deutschen Freundinnen und denen der Eltern. In gewisser Weise kann man es durchaus als eine Überlebensstrategie bezeichnen. Es ist der Versuch, die eigenen Handlungsspielräume durch Heimlichkeiten zu erweitern, ohne sich Konflikten auszusetzen, die nicht selten außerordentlich belastend sein könnten. So etwa erzählte ein Mädchen ihrem Ausbilder etwa vollkommen anderes als ihrer Familie, um vor den Eltern versteckt eine Beziehung zu einem jungen Mann pflegen zu können. Diese der Familie gegenüber durchzusetzen, hätte starke Konflikte - bis hin zum Bruch mit der Familie, ohne einen Ersatz für diese - bedeuten können. Mir scheint jedoch hinter dieser Handlungsstrategie noch ein anderes Moment zu liegen, das sie ermöglicht, ohne daß die Mädchen von starken Scham- und Schuldgefühlen geplagt sind. Ich meine, daß türkische Gebot, sich situationsgebunden zu verhalten. So etwa darf ein junger Mann vor seinem Vater nicht rauchen; das wäre respektlos. Er darf es aber, wenn der Vater es nicht sieht. Dieser weiß jedoch, daß sein Sohn raucht. Er kann sogar demonstrativ wegschauen, damit der Sohn rauchen kann. Durch das Wegschauen ist die Situation verändern. Folglich unterliegen auch weniger Personen, als vielmehr Situationen der sozialen Kontrolle. Geschlechter werden getrennt, um Situationen zu vermeiden. Diese Form der äußeren Kontrolle erklärt auch, warum die türkische Kultur mit Zuschreibungen recht schnell bei der Hand ist. Ein Mädchen ist mit einem Jungen auf der Strasse gelaufen; dieses reicht für die Zuschreibung der Unehrenhaftigkeit. Betrachtet man das zuvor beschriebene Verhalten der türkischen Mädchen unter diesem Aspekt, kann man sagen, sie verhalten sich jenach Situation und nutzen die Möglichkeiten und auch Freiräume der jeweiligen Situationen und genügen den Anforderungen, die aus den unterschiedlichen Situationen heraus an sie gestellt werden.

Das diese jedoch oftmals nur bis zu einem gewissen Grad eine Möglichkeit für die Mädchen darstellt, sich hier als Migrantentöchter ihren Weg zu bahnen, zeigt auch das Beispiel von Can. Beide Seiten fühlten sich letztlich von ihr betrogen und sie mußte die Maßnahme beenden.

Literaturhinweise:

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MIHCIYAZGAN, Ursula: Wir haben uns nicht vergessen: e. intrakultureller Vergleich türk. Lebensgeschichten. Hamburg: EB-Verlag Rissen 1986.

NEUMANN, Ursula: Erziehung ausländischer Kinder: Erziehunsziele u. Bildungsvorstellungen in türkischen Arbeiterfamilien. Düsseldorf: Schwann 1981.

RÜTZEL, Josef: Die Berufsausbildung ausländischer Jugend. Alsbach/Bergstraße: Leuchtturm 1986.

SCHIFFAUER, Werner: Die Gewalt der Ehre. Erklärungen zu e. dt.-türk. Sexualkonflikt. Frankfurt-a.M.: Suhrkamp 1983.

SCHIFFAUER, Werner: Die Migranten aus Subay. Türken in Deutschland. Stuttgart: Klett-Cotta 1991.

YAKUT, Atilla u.a.: Zwischen Elternhaus und Arbeitsamt. Türkische Jugendliche suchen einen Beruf. EXpress Edition 1986.