Türkische Mädchen in der Beruflichen Bildung

Dipl. Ethn. Gundi NIETFELD, Berlin

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Ich möchte Ihnen keinen langen Vortrag halten, sondern vielmehr einen Einstieg in eine gemeinsame Diskussion bieten.

Zunächst möchte ich Ihnen ein paar Zahlen nennen, um die Bedeutung des Problems der beruflichen Bildung türkischer Mädchen zu veranschaulichen. Ich beziehe mich dabei auf einen Bericht des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg vom September 1991 über das Ausbildungsjahr 1989/90.

Einer der Grundlegenden Zugangsvoraussetzungen zu einer Ausbildung, zumal zu einer höher qualifizierten, ist die Schulbildung. Deshalb ist die folgende Zahl von großer Bedeutung. Von den jungen Ausländer/innen verfügten lediglich 65% über den Hauptschulabschluß oder sogar über gar keinen Abschluß; dahingegen ca. 70% der Deutschen über den Realschul- oder einen höheren Abschluß. Der Anteil der ausländischen Jugendlichen an Ausbildungs-verhältnissen stieg in den letzten Jahren zwar stetig an, lag jedoch 1990 erst bei ca. 13%. Der Anteil der ausländischen Jugendlichen an der Gesamtzahl der Ausbildungs verhältnissen war in Berlin jedoch am höchsten; bundesweit lag er bei nur 5,4% (1989). Der Anteil von deutschen und ausländischen Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren in Ausbildungverhältnissen war wie folgt: 51,4% der Deutschen waren in Ausbildung, aber nur 23% der Ausländer. Von letzteren waren 30,8% der männlichen, aber nur 14,7% der weiblichen Jugendlichen in Ausbildung. Der Anteil der türkischen Jugendlichen unter den Ausländern betrug 62,8%. Erwähnt werden muß hier auch, daß sich männliche wie weibliche Jugendliche auf einige wenige Berufe konzentrierten. In der BRD gibt es eine Vielzahl von außerbetrieblichen Maßnahmen, in denen Jugendliche Schulabschlüsse nachholen können, auf bestimmte Berufe vorbereitet werden, eine Ausbildung machen oder Ausbildungsbegleitende Hilfen während einer Ausbildung in der Privatwirtschaft erhalten können. In Berlin sind mehrere hundert Jugendliche in solchen Maßnahmen.

Gedacht sind sie für sogenannte benachteiligte Jugendliche, wozu die ausländischen Jugendlichen per Definition des Arbeitsförderungs gesetzes gehören. Auch über die Jugendhilfe ist ein Zugang zu solchen Maßnahmen möglich; der Anteil ausländischer Jugendlicher nimmt in diesem Bereich zu. Von den Jugendlichen, die 1990 in Berlin durch eine Förderung nach dem AFG ausgebildet wurden, waren etwas mehr als die Hälfte ausländische Jugendliche. Die türkischen Mädchen machten ca. 1/3 der türkischen Jugendlichen aus. Es gibt eine Vielzahl von Gründen für diese unbefriedigende Situation. Auf der gesellschaftlichen Ebene der BRD muß man von einem schulischen wie beruflichen Nachrücken der ausländischen Jugendlichen auf die zuvor von Deutschen besetzten Plätze sprechen. Das gilt vor allem für die Hauptschule und die weniger qualifizierten Berufe. Somit hat sich ihre Position zwar gebessert, ist aber relativ gesehen gleich geblieben. Die Schulmisere ausländischer Kinder, Diskreminierungen unterschiedlicher Art von deutscher Seite, mangelnde Informiertheit der Eltern über das deutsche Berufsbildungssystem sind u.a. Gründe für diese Situation.

Ich möchte mich im folgenden den ganz konkreten Problemen von türkischen Mädchen in der beruflichen Bildung zuwenden und ein paar Schlaglichter auf die Praxis werfen. Dabei beziehe ich mich im folgenden auf Interviews, die ich in außerbetrieblichen Maßnahmen und in der Privatwirtschaft durchführte. Kommt man mit Ausbildern, Sozialpädagogen, Lehrern, u.a. auf türkische Mädchen zu sprechen, so hört man - im Vergleich zu den Jungen - wenig von Schwierigkeiten in Bezug auf ihre Arbeitshaltung und Motivation. Dafür um so mehr von familiären und Wertekonflikten.