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Fotoausstellung | Buchpräsentation | Kemalistische Reformen und türkische Frauen |

Buchpräsentation: "Für die Frauen" (Kadınlar için), Şirin Tekeli

Kadınlar İçin (Für Frauen), Alan Yayıncılık, Istanbul 1988.
Das Buch ist 1988 in türkischer Sprache erschienen. Untere Zitatauswahl aus ihrem Buch wurden für die Buchpräsentation ins Deutsche übersetzt.

Ist der Feminismus nur eine Bewegung, die nur Frauen angeht, da die Unterdrückung der Frau nicht nur sie, sondern auch Männer unglücklich macht?

- Kriege hatten an der Befreiung der Frau einen größeren Anteil als Reformen. Die Regierungen mußten unter den Bedingungen des Krieges auch den Frauen die Notwendigkeit ihrer Arbeitskraft für die Wirtschaft zugestehen.

- Bleibt die Frau nur deswegen unterdrückt, weil die Gesellschaft sie als Hausfrau und Mutter in das Haus verdrängt?

- Unsere soziale Aufgabe ist es, das Wesen menschlicher Identität in der Wahl des Partners, in der Sexualität, der Ehe usw. in unserer Gesellschaft im Modernisierungsprozeß zu bewahren und dem Menschen in der Freiheit seiner Wege zu seinem Glück zu vertrauen und seine Entscheidung zu respektieren.

- Der Kampf gegen Sexismus kann nicht nur ein antikapitalistischer Kampf gegen alle gesellschaftlichen Institution sein, sondern zielt auch auf unser Innerstes und Angewshntes, von diesen Richtigkeit wir überzeugt sind. (Simone de Beauvoir)

- Wenn Frauen ihrer Unterdrückung in der Gesellschaft ablehnen, anerkennen sie die Unterdrückungsformen und somit die Hierarchien und den Führungsanspruch nicht mehr.

- In der Türkei gibt es um die 14 Millionen Frauen im arbeitsfähigen Alter, davon sind mehr als 6 Millionen, die ohne Entgelt ihre Arbeit verrichten. 6,5 Millionen Frauen sind berufstätig und 5 Millionen von ihnen müssen zusätzlich noch den Haushalt führen. Daraus ergibt sich die Tatsache, daß Frauen im Grunde genommen unbezahlte Familienmitglieder sind.

- Feminismus ist eine Richtung der Frauenbewegung, die ein neues Selbsverständnis der Frau und die Aufhebung der traditionellen Rollenverteilung anstrebt.

- 45% der türkischen Bevölkerung lebt in den Großstädten, im Stadium der Industrialisierung erscheint die Loslösung von den Traditionen unumzugänglich. Die Industrialisierung wird sich verbreiten, dies wird nachhaltige Auswirkungen auf die Bevölkerung in den landlichen Regionen mit sich bringen. Durch diese Entwicklung wird die Erniedrigung der Frau in Form der obligatorischen Entrichtung einer `Heiratsprämie«, die in diesem Regionen noch üblich ist, verdrängt. Ohne Zweifel wird die Veränderung zunächst in den Großstädten ansetzen. (April 1984)

- Mensch-Sein bedeutet, dem Leben durch Schaffenskraft und Ideen einen Sinn zu geben. Das, was uns kennzeichnet sind unsere Taten. Richtungsweisend für diese sind die individuellen Ziele. Anders ausgedrückt heißt das: die menschliche Größe hängt u.a. von der Bereitschaft ab, unser Schaffen immer wieder auf das Neue zu verbessern.

- Die Unterdrückung der Frau wegen ihres Geschlecht ist falsch. Aber die Befreiung aus der Unterdrückung darf nicht ihre Vermännlichung zur Folge haben.

In der Türkei der 80er Jahre, in dem die Menschen das Weltgeschehen mit großer Aufmerksamkeit verfolgen, das Land mehr oder weniger industrialisiert ist, ein wachsender Anteil der Bevölkerung in Städten sogar Großstädten lebt und das Bildungsniveau sich allmählich erhsht, verstehen auch Frauen, daß die geschlechtsspezifische Unterdrückung kein Schicksal, sondern ein Ergebnis zwischenmenschlicher Beziehungen ist und daß diese Lage unter menschlicher Bemühung verändert werden kann.

- Die Bedeutung der Revolution in der Revolution ist; die Welt mit eigenen Augen sehen und sie mit eigenen Häden berühren; Erfahrung mit dem eigenen Verstand verarbeiten; die eigene Stimme finden; die Worte selbst wählen und die jahrhundertlange Existenz des Regiertwerdens aufgeben und die mit der Haut verschmolzene Maske des gewaltsamen Ausharrens abstreifen. (Sheila Rowbotham)

Die Erziehung von Mädchen und Jungen zielt schon in der Kindheit darauf, sie für die Zukunft auf ihre gegensätzliche geschlechtsspezifischen Rollen vorzubereiten. Die Irritation in dieser ideologischen Bestimmung ist nicht die Frage, warum sie zu ihrer unterdrückten Lage gelangen und dieser nicht entgegenwirken können, sondern im Gegenteil wie einige Frauen dieses Bewußtsein erreichen und beginnen, gegen Unterdrückung anzukämpfen.

- Berufstätige Frauen haben nur das Recht zur Arbeit erreicht. Doch haben sie weder eine sexuelle Freiheit erfahren, noch die Möglichkeit der Teilnahme an den vielfältigen komplexen Beziehungen in der Gesellschaft gefunden.

- Solange sich Menschen, Frauen und Männer, den Mustern von übernommenen Frauen- sowie Männerrollen einer sexistischen Gesellschaft anpassen, können sie nicht glücklich werden.

- Der wahre gesellschaftliche Prozeß, die im Kampf zur Frauenbefreiung der Türkei Gestalt gibt, ist der umfassende Prozeß der sogenannten "Modernisierung" oder "Verwestlichung".

Hausfrauen sind die fundamentalen Mitglieder einer Hilfsarbeiterarmee. Da der Bedarf an neuen Arbeitskräfte im Stadium des wirtschaftlichen Aufbaus besonders groß ist, werden auch die Frauen in dem Leistungsprozeß miteingebunden. In Krisenzeiten sind sie jedoch die ersten, die ihren Arbeitsplatz räumen müssen.

- Die eheliche Institution wurde eingeführt, um eine ordnungsgemäße Verteilung der Frauen zwischen den Männern zu ermöglichen, diese mit Hilfe einer Ordnungsgewalt von Rivalitäten zwischen den Männern zu schützen, sowie die Vermehrung und den Fortbestand der Menschheit zu sichern.

- Es erscheint mir durchaus möglich, die Männer davon zu überzeugen, wenn sie erst einmal beginnen die Frauen zu achten und zu respektieren, daß dann auch sie ihren Platz in der Gesellschaft finden werden. Denn die Ungerechtigkeiten die ihnen in der Gesellschaft widerfahren und die daraus resultierende Unzufriedenheit übertragen sie auf die Frauen.

- Meines Erachtens sind nicht nur feministische Frauen, sondern vorallem «eministische Männer« zu beglückwünschen und es sollten eine breite «Masse feministischer Männer« für die Befreiung der Menschheit hervorgebracht werden. Wie kann dies verwirklicht werden?

- Die Frauen in der Türkei haben den größten Teil ihrer bürgerlichen und politischen Rechte nicht direkt als Ergebnis ihres eigenen Kampfes, sondern des Kampfes von westlich orientierten Kreisen gegen die bestehende traditionelle osmanische Ordnung beworben.

Eine unterschiedliche Behandlung der Kinder nach ihrem Geschlecht ist meiner Meinung nach völlig falsch. Für mich zählt in erster Linie der Mensch. Die Ausbildung hingegen ist die Erforschung und Fsrderung der Fähigkeiten und Talente des Kindes. Es ist eine Ungerechtigkeit, den Mädchen das Recht auf eine Ausbildung zu verweigern. Daher ist es die größte Aufgabe der Familie und somit der Gesellschaft, diesen Mißstand zu beseitigen. (Eine 72 jährige türkische Feministin)

- Die Sicht zur Welt der neuen Feministen ist wie die naive und hatnäckige Sicht des eifrigen Kindes. Aber das Kind ist ohne Macht. Wir belächeln es und nehmen es nicht ernst. Doch Frauen wollen mächtig sein und werden es von Tag zu Tag und sie beunruhigen. Aus diesem Grund möchten sie nicht in Ungnade fallen, ausgelacht und als vermännlichte Frauen angesehen werden. (Simone de Beauvoir)

- Der Feminismus weiß, daß der Weg der Frauenbefreiung nicht die Feindschaft zu Männern ist. Was sich wandeln muß ist die Form der Geschlechterbeziehung.

- Können Sie sich vorstellen, wie beruhigend es für einen Mann ist, zu wissen, daß er zu Hause bei seiner Frau, die seine Überheblichkeit und Auffälligkeiten widerstandslos hinnimmt, die ganze Frustration und die Wut bedenkenlos auslassen kann? Verursacht werden diese Frustrationen durch die täglichen Reibereien in den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Vorstellung, ständiger Benachteiligung durch Vorgesetzte.

- Die feministische Bewegung hat vor allem folgende Punkte zur Diskussion gebracht: Einsatz des weiblichen Körpers in der Werbung als treffsicheres Mittel der Absatzsteigerung, Die Pornographie, Das Rollenbild der Frau als gütige Mutter und ehrbare Ehefrau in Fernsehsendungen und die Einrichtung dieses Klischees in die Kinderköpfe, angefangen im Kindergarten und später in den Schulbüchern.

- Können Frauen Anteil an der gesellschaftlichen Kritik gewinnen, solange sie ihre besondere Unterdrücktheit nicht bewußt erfahren und ihre Funktion in der neuen Entwicklung einer gesellschaftlichen Ordnung verstehen?

Der Feminismus beabsichtigt nicht die Abschaffung der Männer als Geschlecht, sondern deren Befreiung aus einem Zustand der Unterdrückung und die Verwirklichung von humanen Beziehungen zwischen Männern und Frauen ohne Unterdrückungsformen.

- Einige Frauen, die Erfolg in ihrem Beruf in unserer Gesellschaft erworben haben, meinen sehr oft, es gäbe in der Türkei keine Frauenfrage. Wenn sie erfolgreich werden, glauben sie, kann es jede werden. Die Befreiung der unterdrückten Frauen interessiert sie wenig.

- Eine Frau paßt sich sehr oft ihrer von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle an, ohne den Mangel am Mensch-Sein wahrzunehmen und ohne das Bewußtsein, dies als Fehler zu erkennen.

Die unterscheidende Eigenschaft des neuen Feminismus als politische Bewegung liegt nicht in der Absicht an die eigentliche Macht zu gelangen. Sie verleugnet jede Art von menschlicher Unterdrückung, vor allem die von Frauen, und kämpft für die Aufhebung aller Faktoren, die dazu führen.