Ausstellungen

Fotoausstellung | Buchpräsentation | Kemalistische Reformen und türkische Frauen |

Kemalistische Reformen und türkische Frauen


"Eine Gesellschaft, eine Nation besteht aus Männern und Frauen. Ist es möglich, daß wir ein Teil der Gesellschaft fortschreiten lassen und den anderen Teil vernachlässigen, so daß die Ganzheit nicht darunter leidet?"

"Falls in einer Gesellschaft alle Frauen und Männer gemeinsam einem Ziel entgegenschreiten, besteht die Möglichkeit eines Fortschritts in der Technik und Wissenschaft."

Mustafa Kemal ATATÜRK

Ziel kemalistischer Reformen war mit der Gründung einer modernen Gesellschaftsordnung eine vollständige Erlangung der bürgerlichen und politischen Rechte für Frauen. Dieser Modernisierungsprozeß geschah zunächst mit der Verdrängung des Islam aus dem öffentlichen und politischen Leben, einer Säkularisierung (Verweltlichung) aller Lebensbereiche.

- 1923 Abschaffung des Sultanats und Ausrufung der Republik

- 1924 Abschaffung des Kalifats

- 1925 Einführung europäischer Kleidung und somit Verbot des Umhangs mit Gesichtsschleier für Frauen bzw. Fesverbot für Männer. Diese Verweltlichung aller gesellschaftlichen Bereiche des öffentlichen Lebens sollte den religiösen Einfluß verdrängen.

- 1937 wurde schließlich das Prinzip des Laizismus - eine Trennung von Staat/Politik und Religion - in die Verfassung aufgenommen. Die Säkularisierung in einer modernen Gesellschaftsordnung hatte für den Status der Frau eine große Bedeutung. Die Befreiung der Frau vor religiöser Vormundschaft mußte vor allem mit der Einführung europäischer Kleidung verwirklicht werden:

"Sie (die Frauen) sollen ihre Gesichter der Welt zeigen. Und sie sollen mit großer Aufmerksamkeit das Weltgeschehen beobachten."

Mustafa Kemal

Ein wichtiges Ziel dieser Modernisierung war die schrittweise Erlangung der bürgerlichen und politischen Rechte zur Gleichstellung der Frau. Mit den Rechtsreformen erlangte die Frau ihre bürgerlichen Rechte:

- 1926 Übernahme des Schweizer Zivilrechts: Anerkennung der Frau als Staatsbürgerin Individuelles Recht zur Heirat und Scheidung Eigentums- und Erbrecht der Frau

Eine vollständige Gleichstellung der Frau war mit der Erlangung politischer Rechte erreicht:

- 1930 aktives und passives Wahlrecht für Frauen bei Kommunalwahlen

- 1934 aktives und passives Wahlrecht für Frauen bei Parlamentswahlen

Die aktive Beteiligung der Frau am politischen Leben war ein Weg zur Demokratisierung im noch bestehenden Einparteiensystem, damit war der Endpunkt der Gleichberechtigung erreicht. Nach dem Aufkommen des Faschismus in Europa erschien ebenfalls eine Distanzierung von faschistischen Ideologien notwendig.

In Deutschland z.B. kam es 1932 zu einem Wahlerfolg der Nationalsozialisten. Die Ablösung der Weimarer Demokratie durch die Nationalsozialisten bedeutete auch die Verbannung der Frauen vom sozialen und politischen Leben (Motto: Küche, Kirche, Kinder).

Die Erlangung der vollständigen politischen Rechte für Frauen ermöglichte in den Parlamentswahlen 1935 eine hohe weibliche Wahlbeteiligung. Der Anteil weiblicher Abgeordneter im Parlament war im Vergleich zu den in westlichen Demokratien nach Finnland höher.

Mit der Einführung des Mehrparteiensystems 1946 kam es zu einem überraschenden Rückgang der politischen Beteiligung der Frau. 1935 wurden 17 Frauen als Abgeordnete in das Parlament gewählt. Dieser Anteil von 4,5% war der höchste der türkischen Parlamentsgeschichte. In den Folgejahren sank der Anteil auf etwa 1%, in den 50er Jahren bis unter 1% nach 1977. Trotz einer Demokratisierung und der Einführung des Mehrparteiensystems sank die Vertretung der Frauen im Parlament.

Wie kann dieser Widerspruch möglich sein?