Lesung: Die Frau hat keinen Namen

Duygu ASENA, Istanbul

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28. Kapitel, S. 56ff

Von dem gesamten Aussteuergeld, das mir mein Vater gegeben hatte, kaufte ich mir tolle Kleider, Schuhe, Unterwäsche. Im Schleier und weißen Brautkleid, dessen Minirock nur knapp über den Po ging, wurde ich getraut. »Wie revolutionär« , spottete meine Schwester. »Du betrügst dich selbst. Wirklich revolutionär wäre es gewesen, nicht zu heiraten oder wenigstens nicht im Brautkleid, sondern in Bluejeans. Mini-Brautkleid, pah!« Wir sind auf der Hochzeitsreise in einer fürchterlich heißen Stadt und wohnen in der Brautsuite eines Luxushotels. Ci-Ci hat zwar kein Geld, doch den Luxus liebt er sehr. Ich weiß nicht, woher er das Geld dafür hat, aber das Hotel ist wirklich gut. Wir gehen aufs Zimmer. Ich bin noch dabei, den Koffer auszupacken, da kommt er und umschlingt von hinten meine Hüften. Wir ziehen uns aus. Er legt mich sanft aufs Bett und sich selbst über mich. »Jetzt gehörst du gleich mir«, sagt er. Ich kann mich gar nicht auf den Vorgang konzentrieren, weil ich ständig über den Ausdruck »du gehörst mir« nachdenken muß. Irgend etwas müßte ich auch sagen, schließlich ist dies der wichtigste Augenblick meines Lebens. Soll ich sagen: »Ich habe dir bis jetzt ja auch schon gehört«, oder »Los, Geliebter, dann nimm mich«, oder »Ja, aber du gehörst mir nun auch«, oder vielleicht »Weshalb soll ich dir eigentlich gehören, nur weil wir miteinander schlafen, Mensch?« Alles das konnte ich nicht sagen, weil ich plötzlich einen schrecklichen Schmerz verspürte, und so schrie ich bloß: »Halt, halt, nicht!« Er zieht sich bißchen zurück und kommt wieder. »Halt, halt, es tut sehr weh«, schreie ich aufs neue. Das wiederholt sich fünfmal. In meinem Kopf ist das Chaos. Ich kann weder etwas Gescheites sagen, noch Gefallen an der Sache finden. Verflucht.

Er steht endlich ärgerlich auf und sagt: »Du bist reichlich kindisch, was sollen denn diese Zicken?« Ich fange an zu weinen. Wie kann er mich nur so schlecht behandeln, noch dazu auf der Hochzeitsreise. Was soll nun werden? Hätte ich nicht eigentlich von Sinnen sein, hätten wir nicht stöhnen und ein Körper sein sollen, nicht zusammen viele Male den Gipfel der Lust ersteigen sollen? Verflucht und zur Hölle mit allen Liebesromanen. Er streichelt meine Haare, ich entspanne mich. Er kommt wieder über mich. Diesmal bin ich entschlossen, nicht »Halt« zu schreien. Er stützt sich ab, er drückt, ein brennender Schmerz, ich beiße die Zähne zusammen; aber sonst spüre ich nichts, nichts... Nach etwa drei Minuten liegt er schweißbedeckt und keuchend neben mir. »Es war schön, Wahnsinn, du warst ja auch so ein süßes Stück, es war toll, bist du auch gekommen, war es gut?« (Was für ein Kommen? Wohin soll ich gekommen sein? Was hast du denn getan? Hast mir wehgetan, dich ein bißchen bewegt und ausgeleert. Wer soll wohin gekommen sein?) Während diese Gedanken mir durch denn Sinn gehen, schaue ich ihn bloß mit aufgerissenen Augen an. Wir umarmen uns und fallen in Schlaf. Als ich erwache, sind die Laken voller Blut, als hätte man ein Huhn geschlachtet. Himmel, wenn das die Zimmermädchen sehen! Aber wenn ich das Laken wasche, wird es dann trocken? Er sagt: »Das macht nichts. Das Bett hat sowieso unter dem Laken einen undurchlässigen Schonbezug. Hier ist doch das Brautzimmer, Mädchen.« Im Brautzimmer haben die Betten Schonbezüge. Die Mädchen werden in diese Zimmer eingesperrt und zu den Frauen gemacht. Ununterbrochen, ständig, wie in der Fabrik. Die Betten in den Brautzimmern sind mit Schonbezügen geschützt vor dem Blut der Jungfrauen. Wir lassen unser Blut für den geliebten Mann fließen. Ein Mädchen bewahrt ihr Hymen, und sei es ein Leben lang, für denn Mann, der es nehmen wird. In den Brautzimmern, auf den Laken über den Schonbezugen, geben die Mädchen unter Schmerzen, in wenigen Minuten, ihre streng bewahrte Ehre für eine noch größere Ehre hin. Vom Geschehen überwältigt und all die Liebesromane im Kopf, fallen wir in den Armen unserer Ehemänner auf den blutigen Laken über Schonbezügen in den Schlaf.