Lesung: Die Frau hat keinen Namen

Duygu ASENA, Istanbul

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44. Kapitel, S. 85ff

Gürkan ist Generaldirektor seines Betriebes geworden. Er hat eine Firmenwagen, so daß unser beider Privatauto jetzt mir alleine bleibt. Das bedeutet ein Stück Freiheit. Wenn die Sitzungen sich bis spät abends hinziehen, muß ich nicht nervös werden und überlegen, wer mich heimbringen könnte. Seit Gürkan Generaldirektor geworden ist, haben unsere Touren durch Diskotheken und andere Vergnügungsstätten abgenommen, dafür geht es jetzt mit den Einladungen von den anderen Direktoren und Firmenchefs los. »Du bist komisch«, sagt Gürkan. »Andere Frauen wären von so einem Leben begeistert. Du ziehst ein Gesicht und bist mit nichts zufrieden. Was bist du bloß so komisch, so anders.« Es stimmt schon: Ich habe ein Auto, verkehre in luxuriösen Häusern und mit Leuten in gehobenen Positionen, die nach Europa fahren und sich europäisch kleiden. Außerdem habe ich eine Arbeit und bin darin erfolgreich. Was will ich denn sonst noch? Warum fühle ich mich denn unglücklich? Ich sehne mich nach unserer ersten Zeit, als Gürkan noch CiCi war. Wie ich es kaum erwarten konnte, bis er abends von der Arbeit kam und ich ihm an den Firmenbus entgegenlief; sehne mich nach den Tagen, als unser Bekanntenkreis noch nicht so groß war, so daß wir zu Hause miteinander am geschmückten Tisch saßen und Wein tranken. Wie wir damals oft früh ins Bett gingen und eng umschlungen einschliefen. Ich bin komisch. Bei den Essen mit Leuten in gehobenen Positionen fühle ich mich wirklich fremd. Die Frauen in riesigen Pelzen, mit großen Brillanten und dicken Goldreifen, in Kleidern, deren Marke zur Schau gestellt wird, mit gestylten und auf jeden Fall gefärbten Haaren; mit diesen Frauen kann ich mich überhaupt nicht unterhalten. Die meiste Aufmerksamkeit zieht die Gattin des Firmenbesitzers auf sich; um die bemüht man sich. Die Frauen der Generaldirektoren stehen auch noch gut da. Meiner ist ja auch Generaldirektor, aber nur von einer kleinen Fabrik, es ist ja praktisch bloß eine Werkstatt. Wir machen uns miteinander bekannt. »Ich bin die Gattin des Herrn Abdullah Günver von der Tü-Pa-Ka A.G.« »Oh, angenehm, ich bin die Frau von Herrn Hüseyin Topal von der SamKor A.G. Wie geht es Ihnen?« »Ich, ich heiße soundso, ich bin die Leiterin einer Abteilung in der Soundso-Handelsgesellschaft.« »Angenehm. Und wer ist Ihr Mann?« »Mein Mann heißt Gürkan, er steht dort drüben.« »Soso!« Mit meinen glatten, ungefärbten Haaren, dem einfachen Goldring an der Hand, mit meinen zwar teuren, aber ganz schlichten Kleidern bin ich wirklich eine seltsame Erscheinung. Ich fühle mich neben all den anderen wie ein Kind.

Die Männer bilden wie selbstverständlich eine Gruppe, entweder an der Bar oder am Swimmingpool, halten ihre Gläser in der Hand und unterhalten sich, von lauten Lachsalven begleitet. Ich versuche, mich dazuzugesellen, doch nicht einer bemerkt mich. Entweder reden sie mit einem anderen Geschäftsmann über Geschäfte, oder sie kommentieren die letzten Sportereignisse und lachen heftig dazu. Die Frauen sitzen normalerweise in Gruppen in Sesseln und halten ebenfalls ihre Gläser. Sie machen keinerlei Krach, sondern erzählen bloß, wie sich ihre Männer abmühen, oder sie schmeicheln sich gegenseitig, wie schick sie einander fänden; daß Deutschland ein Dorf sei, England seinen typischen Stil nicht überwinden könne, aber Paris, auf jeden Fall Paris, oder Italien, das sich plötzlich so entwickelt hätte, nicht wahr. Natürlich sprechen sie nicht von der wirtschaftlichen Lage Italiens, sondern von seiner Mode. Alle Länder werden in Bezug auf die Mode bewertet. Zuletzt kommt die Rede auf Fernost, ob ich etwa da noch nicht hingefahren sei ? Wie schade, ich müsse unbedingt mal hin, es sei so geheimnisvoll, so traumhaft. Später wird dann von den Kindern geredet, meistens bloß, auf welchen Schulen sie seien oder wo im Ausland. Offensichtlich hat niemand Erziehungsschwierigkeiten mit den Kindern. Soviel ich mich auch anstrenge und darüber nachdenke, wie ich an ihren Gesprächen teilnehmen und was ich dazu sagen könnte, es fällt mir nichts ein. Da bringt schließlich eine mit Gottes Hilfe die Rede auf Abmagerungskuren und ich schlage eine wunderbare Diät vor, bei der man die Kohlenhydrate nach Punkten zählt. Alle sind sehr interessiert. »Also, du darfst alles essen, nicht wahr, auch Alkohol ist frei. Würdest du mir wohl die Tabelle fotokopieren, meine Süße, und schicken?« Natürlich. Gürkan fragt: »Hast du dich wieder gelangweilt?« »Nö, überhaupt nicht. Wir haben uns nett unterhalten, was für reizende Leute.«

An manchen Essen nehmen auch bekannte Künstler, Filmstars, Literaten teil. Die Schriftsteller interessieren mich am meisten, weil ich so viel lese. Der Name des imposanten, weißhaarigen alten Mannes in der Ecke wird genannt. Wirklich? Das ist er? Der diese romantischen wunderschönen Gedichte schreibt; der über einen so ausgezeichneten Stil und herrliche Gedanken verfügt ? Dieser dicke, betrunkene, lallende, Anzüglichkeiten und Schimpfwörter verbreitende Mensch hat diese schönen Gedichte gemacht? Und neben ihm der andere sei ebenfalls Schriftsteller. Man sagt mir auch, wer er ist. Ich geselle mich dazu, höre ihre Unterhaltung mit. Beide sind betrunken, der Kollege des weißhaarigen dicken Lyrikers spricht ein ganz schlechtes Türkisch; auch er ist grobschlächtig, schnauzbärtig und flucht andauernd. Sie reden über eine junge Frau, deren erstes Buch gerade erschienen ist. Es bleibt ihr nicht erspart, als idiotisch, unbegabt und zuletzt als Hure bezeichnet zu werden. Sämtliche Berühmtheiten, alle Verlage und schließlich die Leser werden von ihren betrunkenen Mündern durchgehechelt. Und ich hatte die Dorfromane des Schnauzbärtigen so geliebt. Eine berühmte Filmschauspielerin tritt dazu. Sie ist kleiner als in ihren Filmen und ihre Hüften wirken breiter. Auf den Bildern erscheinen ihre Beine viel länger. Sie nehmen die Frau in ihre Mitte und überschütten sie mit Komplimenten. Vor lauter Schminke sieht man ihre Augen kaum noch. Ihre Haare hat sie in doppelter Kopfhöhe aufgebauscht, und dauernd macht sie an ihnen herum, streicht sie neben den Ohren hoch und zupft an dem Bausch, als wollte sie ihn vergrößern. Der dicke, betrunkene Lyriker wird auf mich aufmerksam, und ich muß etwas sagen: »Ich habe Ihr letztes Buch gelesen und kann kaum schildern, wie sehr es mir gefallen hat.« »Ah, mein Leben, also hat es dir gefallen. Wer bist du denn, sag mal ?« Dabei kneift er mir in die Wange. Gürkan sagt zu Hause: »Wie nett du dich mit den Literaten unterhalten hast, nicht wahr, heute abend hat es dir doch bestimmt Spaß gemacht?« »Ja, Gürkan, es hat mir Spaß gemacht.« Wirklich hatte ich meinen Spaß. Daß ich wie in einem Einweckglas gelebt haben muß bisher; daß alle die schönen Träume meiner Phantasie mit einem Mal zerstört wurden - diese Erschütterung zu erleben hat mir Spaß gemacht.