Lesung: Die Frau hat keinen Namen

Duygu ASENA, Istanbul

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Dieses Buch erzählt frech, offen, temperamentvoll den - schmerzhaften - Versuch einer jungen Frau in der Türkei, es den Männern gleichzutun: in Freiheit sich zu bewegen, zu arbeiten "wie ein Mann", offen und ohne gesellschaftliche Rücksichten die Liebe zu leben. Es ist der autobiographische Bericht einer Frau in der Gesellschaft, in der die Frau "keinen Namen hat", nur als Anhängsel des Mannes etwas gilt. Dies ist kein Text, den man widerstandslos einreihen kann in die bekannte Literatur eines entwickelten, "gepflegten" Feminismus mitteleuropäischer Prägung und einer Moral, die auf Verständnis und Solidarität aus ist. Wie Duygu Asena denkt und handelt, mag hierzulande befremden; die Farben ihrer Erzählung sind greller; die Töne schriller. Asena hat alle gesellschaftlichen Konventionen gegen sich - eine Frau hat ihrem Mann zu gehorchen, zuhause zu sein, Kinder zu gebären: Sie entscheidet sich immer für Unabhängigkeit, im Zweifel auch für die Einsamkeit. Der Leser lernt nachzuvollziehen, daß eine gute Portion Egoismus und rigoroser Entschiedenheit - in bestimmten Verhältnissen - die Bedingung dafür sind, sich als Mensch zu begreifen, wenn man eine Frau ist.1)

Duygu Asena, geboren 1946 in Istanbul. Studium der Literaturwissenschaften. Arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitschriften, 1992 war sie Chefredakteurin der Frauenzeitschrift "KIM".

Ausgewählte Kapitel aus der Lesung:

10. Kapitel, S. 21ff

Eines Tages nahm mich Mutter zur Seite: »Komm, ich will dir mal was sagen.« Ich bekam einen Schreck, weil sie so ernst aussah. Meine Schwester wurde in den Garten geschickt. Da bekam ich noch mehr Angst. Mein Gehirn arbeitete wie eine Maschine. Was hatte ich in den letzten Tagen bloß angestellt, was verbrochen? Ich ging alles durch. Einer Lehrerin hatten wir einen Zettel angehängt. Zu Ali hatte ich gesagt: »Beiß mir in den Hintern!« An einem Tag hatte ich zwei Eis gegessen. Etwas weicher sagte meine Mutter: »Komm, setz dich mir gegenüber.« Und dann fing sie an zu reden: »Mädchen, die Frauen haben einen Zustand, weißt du, jeden Monat einmal. An bestimmten Tagen blutet es unten heraus. Das dauert drei, vier Tage.« »Was? Blut? Was für ein Blut, Mama? Wo blutet es denn da, warum blutet es?« »Kleines, das nennt man Frausein. Du weißt ja, die Frauen bekommen Kinder und deswegen muß dieses Blut fließen.« »Mama, werde ich jetzt ein Kind kriegen? Wann blutet es denn? Wenn es blutet, kriege ich dann ein Kind?« »Nein, Mädchen, reg dich nicht auf, hör zu. In deinem Alter beginnt die Blutung. Aber das heißt nicht, daß man dadurch ein Kind bekommt. Im Körper der Frau bilden sich Eier. Diese Eier stößt der Körper ab, wenn kein Kind entsteht. Die Blutung ist notwendig, um das Ei abzustoßen.« »Mama, Mütterchen, was für ein Blut, ich will kein Kind haben. Kommen jetzt bei mir unten Eier raus, was passiert mit mir, was?« »Kind, was schreist und weinst du? Hör doch mal zu. Natürlich kommen keine Eier raus, und ein Kind bekommst du auch nicht. Die ganze Geschichte ist nötig, damit du später mal ein Kind bekommst. Mein Gott, hätte ich das vielleicht nicht erzählen sollen? Aber du bist ja in dem Alter, und deine Brüste sind gewachsen. Hättest du denn lieber von der Blutung überrascht werden wollen? Schau, ich hab' das auch. Jeden Monat kommt ein bißchen Blut. Aber kriege ich etwa ein Kind?« »Jeden Monat blutest du? Davon habe ich aber nie etwas bemerkt.« »Das sieht niemand. Du tust Watte in dein Höschen und wechselst sie, wenn sie blutig ist. Das bemerkt keiner.« »Wenn die Jungen Vater werden wollen, müssen sie dann auch unten bluten?« »Nein, weil sich bei denen keine Eier im Bauch bilden. Aber Kind, sie werden ja beschnitten, sobald sie aus dem Babyalter raus sind. Haben wir nicht voriges Jahr das Beschneidungsfest von Mustafas kleinem Bruder gefeiert?« »Das hört sich schon besser an! Mama, wenn ich blute, kriege ich dann wohl auch Geschenke?« »Leider nicht. Denn wir werden es niemandem erzählen. Das geht ganz im geheimen vor sich, du machst das ganz unbemerkt mit dir alleine ab« »Aber warum feiern sie, daß sie erwachsen werden und bekommen Geschenke, und wenn wir erwachsen werden, soll es keiner wissen?« »Uff! Jetzt reicht's, mein Gott. Das gehört sich nicht. Jetzt soll es zur Regelblutung auch noch Geschenke geben. Was geht die Leute dein Unterleib an?« »Gut. Aber was ist bei der Beschneidung? Ist der Pipi nicht am Unterleib? Was geht es die Leute an, wenn der Pipi beschnitten wird? Mama, ich will keine Regel haben. Oder wenn, dann will ich allen verkünden, daß ich groß bin. Ich lade alle meine Freunde ein und esse Kuchen und kriege Geschenke. Jetzt reicht's mir! Wenn es sich nicht gehört, warum bluten wir dann? Oder was ist daran ungehörig, daß eine Frau blutet? Liegt es daran, daß wir keinen Pipi haben? Hätten wir einen, würden wir auch ein Fest feiern? Warum ist ihre Sache nicht ungehörig, aber unsere Blutung ist es? Mir reicht's, mir reicht's jetzt, Mama! Wenn es soweit ist, wirst du erleben, daß ich laut schreie: Ich habe die Regel!« »Schluß, Mädchen, schweig, schrei nicht, das gehört sich nicht.«

Und schließlich war es dann soweit. Wir waren von der Schule gekommen und spielten im Garten; ich hockte mich hin und zeichnete Figuren auf die Erde. Irgendwie fühlte ich mich krank. Ich hatte Bauchweh, etwas wühlte in mir, als wollte das Innere nach außen. Wie ich so hocke, stecke ich zufällig den Kopf zwischen die Knie und sehe, daß mein Höschen ganz rot ist. Ich fahre erschrocken hoch und schaue mich um, aber nein, niemand hat mich gesehen. Mit einer Hand drücke ich von hinten meinen Rock fest und renne mit »Mama, Mamaaa« ins Haus. Meine Mutter ist keineswegs aufgeregt. Sie lacht und gibt mir eine leichte Ohrfeige. Das ist ein alter Brauch, der daher rührt, daß früher die Töchter, wenn sie unaufgeklärt die erste Regel erlebten, meistens unter einem Schock standen, den die Mütter mit einer Ohrfeige kurierten. »Jetzt bist du ein großes Mädchen geworden.« Das erste, was mir dazu einfällt, ist, daß ich von jetzt an ein Kind bekommen kann. Heute bin ich nicht in den Garten gegangen, selbst nicht, als die Freunde riefen. Meine Schwester ahnt sicher, daß irgend etwas vorgeht, aber sie fragt nicht. In der Schule erzähle ich es meinen Freundinnen. Gül ist ganz begeistert: »Du bist jetzt eine Frau.« Serpil behauptet, wenn ich die Regel siebenmal hintereinander hätte, bekäme ich ein Kind. Figen macht sich über diese Naivität lustig. Günseli erzählt, daß sie ihre Tage schon seit langem habe, aber aus Scham niemandem davon erzählt habe; daß sie sich selbst verabscheue und sich übergeben müßte. Gül weiß zu berichten, daß ihr Vater sich über die Kolleginnen am Arbeitsplatz lustig macht mit Worten wie: »Heute war sie mal wieder sehr nervös, bestimmt hatte sie ihre Regel.« Und dann gibt sie ihres Vaters Meinung zum besten, daß Frauen im Berufsleben wegen der Blutungen und Schwangerschaften nicht erfolgreich sein könnten. Wenn ich mal berufstätig sein werde, muß ich mich als blutende Frau verstecken. Am Abend kommt meine Tante und sagt vor allen Leuten: »Ach, du liebe Güte, mein Mädchen ist erwachsen geworden, sie hat sogar ihre Regel bekommen.« Sie lacht mich an, aber ich bin verwirrt, werde über und über rot und laufe nach oben, wo ich in meinem Zimmer zu weinen anfange. Meine Mutter kommt mir nach und sagt: »Du wolltest dich doch nicht schämen, sondern ein Fest veranstalten wie die Jungen bei ihrer Beschneidung! «