Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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KADIOGLU: Ich möchte sagen, daß ich in nächster Zeit keine Umwandlungen bei den Frauen der ersten Generation erhoffe und dies ist auch nicht notwendig. Die Zukunft gehört der zweiten und dritten Frauengeneration und überhaupt dieser Generation. Man darf auch die politischen Aspekte dabei nicht vergessen. Solange eine Gruppe von

Menschen benachteiligt werden (in jeder Hinsicht), kann man von einer gemeinsamen Zukunftsutopie nicht reden. Gleichberechtigung bedeutet, daß sie die wesentlichen Grundbedürfnisse in diesem Land bekommen und dies ist in erster Linie das kommunale Wahlrecht bis zum europäischen und zwar nicht als Deutsche, sondern als Türke, Ausländer.

ACISU: Es geht nicht darum, daß oben irgendwelche Gesetze erlassen werden, damit wir unten weiterkommen, sondern eine Identität und ein Bewußtsein als Mensch zu entwickeln. Solange wir warten, daß etwas geschieht und andere Menschen für uns etwas tun, wird es erstens von den Anderen nicht kommen und solange wir selber nichts dafür tun, werden sie sich auch nicht veranlaßt sehen.

NEUSEL: Ich möchte nun Serap fragen. Filme machen heißt auch Modelle entwickeln. Was gibt es hier für eine Message?

BERRAKKARASU: Filme mit Message - da müssen wir uns gleich davon entfernen. Daß Filme etwas verändern können, glaube ich nicht. Wir müssen uns vielmehr fragen: Was für Perspektiven hat der Mensch auf dieser Erde? Ich bin viel zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt und habe wenig Zeit noch in die Zukunft zu schauen. Mein Leben ist immer der Augenblick, den ich lebe. Bei all dieser Diskussion über die Frauen, den Feminismus, die Politik usw., sehen wir uns die Realität heute an. Es gibt politisch eine Rechtsbewegung, so daß in Baden-Württemberg und in anderen Bundesländern die Rechtsparteien in die Parlamente kommen. Und wir müssen uns heute damit auseinandersetzen, wohin diese Welt geht. Nationalismus scheint überall aufzubrechen. Die Realität zeigt etwas anderes, als das, was wir uns für die Zukunft erhoffen. Trotzdem sollten wir diese Utopien haben und im Endeffekt sollte jede seine eigenen Perspektiven entwickeln. Ich habe sehr viel Neues erfahren auf diesem Symposium über die türkische Frauenbewegung. Trotzdem müssen wir noch einen langen, langen Weg gehen. Wenn ich daran denke, was vor einigen Wochen mit 3-4 Mädchen passiert ist, die verheiratet werden sollen. Die kommen zu mir und fragen, was sie machen sollen, weil sie in die Türkei zurück müssen. Ich kann ihnen schwer sagen: Also hör´mal zu, es gibt ganz unterschiedliche türkische Frauen und in der Türkei gibt es eine feministische Bewegung. Es ist für mich keine Schande zu sagen, daß es in der Türkei Frauen gibt, die Kopftücher tragen. Wir müssen es zeigen, damit wir es verändern können. Wir können es nicht verschweigen. Indem wir es benennen und darauf hinweisen, können wir anfangen, etwas zu verändern.

NEUSEL: Vielen Dank. Ich habe Ihnen versprochen, daß Sie genug Zeit haben werden, mitzudiskutieren und möchte das Wort an Sie geben.