Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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Frage (Dr.Zuber-Knost): Ich denke schon, daß es wichtig ist, daß Bewegung unter uns Frauen hineinkommt und wir uns und unsere Gedanken ändern. Aber trotzdem geht es nicht ohne eine Veränderung des gesetzlichen Rahmens.

ACISU: Was ich sagen wollte war, daß wir nicht darüber jammern sollten, daß uns keine Rechte gewährt werden und darauf warten, sondern wir selbst dafür etwas tun. Wir können nicht darauf warten, sondern müssen es fordern!

Frage: Es wurde über typische türkische Frauenbilder gesprochen. Aber was können wir als Einzelne bewirken, um zu verändern. Und wir haben gesagt "Kulturschock", "Kulturzugehörigkeit". Ich glaube, das ist nicht eine typisch türkische Gastarbeiter-Frage, sondern eine allgemeine wie z.B. ein Münchner, der nach Berlin kommt oder ein Preuße nach Bayern. Wir haben eine menschliche Intelligenz, meine Damen und Herren, wir sollten mal diesen Monitor einschalten ohne diese Kultursuppe. Diese Kultursuppe können wir erst durchblicken, wenn wir als Mensch in der Erziehung eine Rolle bekommen. Diese Erziehung sollte uns zur Zivilcourage ermutigen. Wir sagen die ganze Zeit: Wir armen Türkinnen leben in Zwiespalt. Nein! Wir sollten überhaupt kein Selbstmitleid haben. Wir sind stark genug. Wir sind Menschen und sollen einfach sagen: Ich bin in einer neuen Klasse, in einem neuen Dorf, an der Uni. Wie kann ich in dieser Welt klarkommen? Wenn ich aber sage: Ich arme Frau, dann komme ich nie klar. Wir sollten auf Andere zugehen. Wir sollten nicht die Barrieren mit Kopftüchern, Kultur, Identität, Sprache aufbauen, so daß wir nicht mehr durchkommen. Das ist Müllhaufen, ja? Wir sollten wirklich Zivilcourage haben, die Gehorsamkeit, dieses Prinzip zu durchbrechen, das sollten wir lernen. Dazu brauchen wir mutige Lehrer, Lehrerinnen. Sie bringen uns nur den Stoff bei. Aber wie wir das Leben bestehen, ob in Amerika, China, müssen wir lernen, Achtung vor uns selbst und dem Gegenüber. Dies ist nur möglich mit fähigen Pädagogen und mit dieser Rechtsgrundlage, daß die Pädagogen Anerkennung an dieser sozialen Pyramide bekommen. Nicht daß ein Pädagoge oder eine Krankenschwester mit wenig Geld abgespeist wird. Da hängt eigentlich der Haken.

BERRAKKARASU: Wir haben aber kein Selbstmitleid! Wenn ich es anklage, sage: Hör mal zu, ich habe hier und da Probleme, heißt nur, daß ich darauf hinweise. Das ist auch vollkommen legitim.

AKKENT: Wir müssen anfangen, alles in richtigen Relationen zu sehen. Wieviele kommen hierher, wieviele Türkinnen oder Deutsche hier sind vertreten? Und wenn Du so einfach fragst: Wo sind sie, die türkischen Frauen? Es ist ungerecht uns gegenüber und allen gegenüber, weil wir kommen aus Nürnberg, Münster, München - aus allen Ecken. Wenn Du alles in Relationen siehst, d.h. von 80 Millionen und wieviele sind wir hier?

ACISU: Ich würde ihr auch recht geben. Es fehlt die Bereitschaft, aus der Lage, in der man sich nicht wohlfühlt, herauszukommen. Auch mit Vorbildern, weil man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll. Ob es wirklich ein Problem ist und man etwas verändern kann und einfach zu bequem ist, sich zurücklegt und sagt: Ich bin zwar arm dran. Und dann Zuflucht in Religionen sucht. Gerade die Frauen, die nicht heute da sind, hätten es auch wirklich nötig! Wir hatten Glück gehabt, haben unsere Probleme mehr oder weniger bewältigt. Aber die Frauen, denen man es sagen mußte, sind heute nicht da.