Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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BERRAKKARASU: Ich finde es aber sehr arrogant, den Anderen die Schuld zuzuschieben. Jede macht ihren eigenen Prozeß. Ich kann nicht meine Maßstäbe, und das lernst Du zuerst, wenn Du Sozialarbeit machst, auf Andere anwenden. Ja, ich kann nicht sagen, ich bin feministisch bewegt und trage die Flamme des Feminismus bei mir und entzünde damit jedes Feuer. Das geht nicht. Wir müssen auch akzeptieren, daß es Frauen gibt, die sich zurückhalten und Frauen mit anderen Geschichten. Das ist ein langer Prozeß. Mir ist es egal, ob eine Frau aus dem Dorf oder aus Istanbul kommt. Sie ist für mich gleichwertig und erfordert all meinen Respekt als Mensch.

KADIOGLU: Das hat mit Arroganz gar nicht zu tun! Ich habe diese Erfahrung sammeln müssen, weil ich, wenn ich irgendwo hingehe immer die gleichen Gesichter sehe - die Akademiker. Wir reden hier immer von türkischen Frauen, aber immer von oben herab. Wir geben ihnen kein Rederecht. Wo sind sie denn? Wo können sie sich überhaupt äußern?

AKKENT: Das ist gar kein Problem für mich. Ich hatte gerade das Wort "Ungerechtigkeit" verwendet, weil Alev sagte: Weil wir unsere Probleme bewältigt haben und so!len, aber das ist nicht so: Hatice hat gesagt, daß sie Sozialwissenschaften studiert hat Ist es normal, daß eine Sozialwissenschaftlerin in dieser Gehaltsgruppe arbeitet? Nein. Es ist wichtig, dieses Bewußtsein zu haben, woran es bei uns hapert als Person, Meral Akkent, Alev usw. Dieser Prozeß auf unserer Suche ist das Beste, was getan werden kann für die Frage: Was können wir als Einzelne machen?

ACISU: Ich möchte Meral antworten. Es ist keine Arroganz, sondern die eigene Erfahrung, weil ich selbst in dieser Situation war und keine Beispiele gesehen und als Problem erkannt hatte. Ich konnte damit nicht angehen. Erst durch Menschen, die auf mich zugingen. Ich habe meine Probleme nicht bewältigt. Ich komme immer noch in Situationen mit denen ich mich auseinandersetzen muß. Wir sollten den anderen Menschen vermitteln, daß es geht und man sich nicht mit etwas abfinden muß.

Frage: Es wurde häufig gefragt, wo sind die türkischen Frauen geblieben. Ich frage aber, wo sind die deutschen Frauen und Männer? So groß ist das Interesse hier an der TH Karlsruhe für ein so wichtiges Problem! Ich bin oft auf Tagungen, wo Leute viel Geld bezahlen, um dorthin zu kommen, um sich über den Islam und die Türken in der BRD zu erkundigen. Aber was hier geboten wird - und Frau Neusel kommt extra aus Kassel, hier ist das Interesse sehr groß. Das war so eine spontane Bemerkung. Aber was ich aufgreifen wollte, ist der Film. Was Sie gerade sagten: Filme ändern nichts! Ich würde sagen: Filme ändern sehr viel! Ich wollte mir einen Film anschauen. Als ich die Beschreibung las, dachte ich mir, ich kann in so einem Film nicht hingehen. Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die gegen ihren Willen verheiratet wird. Aber gerade solche Filme bleiben in den Hinterköpfen stecken und prägen das Bild von der türkischen Frau. Ich war zweimal im Film "Yol" und jedesmal konnte ich den Film nicht zu Ende sehen. Sowas prägt das Bild von der türkischen Frau in Deutschland. Insofern sind Sie auch irgendwie daran beteiligt. Das Bild ist nicht aus Nichts entstanden. Auch was Ihre emanzipierten türkischen Schriftstellerinnen von sich gegeben haben. Das bestätigt irgendwie dieses Bild in vielen Fällen.

AKKENT: Leider werden solche Filme von linken türkischen Männern gemacht!