Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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BERRAKKARASU: Ich habe nicht so richtig verstanden, worauf Sie hinauswollten. Aber ich will trotzdem darauf eingehen. Bei uns gibt es aber geschlagene Frauen, das ist einfach so. Das müssen wir auch zeigen. Das gibt es überall. Wir Frauen wissen ja, was wir in der Geschichte durchgemacht haben. Zwanzig Jahre Frauenbewegung in Deutschland - das schafft auch, ja? Yilmaz Güney gehört für mich zu meinen Meistern. "Yol" ist der beste Film, der in der Türkei jemals gemacht worden ist. Und er hat dazu beigetragen, nach außen zu tragen, was die Strukturen im ländlichen Bereich betrifft und die politischen, gesellschaftlichen, diskri- minierenden Aspekte nach außen zu tragen. Ich denke, es war ein wichtiges Werk für die Türkei. Das ist meine Meinung. Das soll auch so bleiben. Wenn wir alle in die gleiche Richtung gehen würden, würden wir uns nie begegnen. Es ist nicht mein Anspruch, zu erwarten, daß mein Film, den ich mache, die Welt verändert. Es kann im Einzelnen jemanden berühren und anregen, über etwas nachzudenken. Aber die Erfahrung zeigt, daß Filme wie z.B. "Z" von Costas Gavras hat nicht dazugeführt, daß es keine Diktatur mehr gibt. "Yol" hat nicht dazugeführt, daß die Militärs in der Türkei einsichtig wurden. Globale Veränderungen sind mit Filmen nicht möglich.

Frage: Ich wollte Frau Hagar eine Frage stellen. Sie hatte gemeint, sie möchte mit ihren Werten und Normen in dieser Gesellschaft leben. Mit einer bestimmten Norm z.B. islamischen Werten studiert diese Frau. Die Frau, die ihre Rechte erlangen soll, soll auch studieren und einen Beruf haben. Eine Studentin, die Medizin studiert hat, sollte einen Patienten oder eine Patientin nackt sehen können. Wie ist dies mit den islamischen Werten - wo vieles tabuisiert wird - vereinbar?

HAGAR: Das Podium sagt, ich soll es gar nicht beantworten. Es ist zu unverschämt. Ich sage, ich beantworte es. Wenn sie die Statistik durchsehen, viele Medizinerinnen mit Kopftuch gibt es. Viele arbeiten in verschiedenen Bereichen.

Frage: Ich wollte auf das Zerissenheitsgefühl etwas erwidern. Ich habe dieses Zerissenheitsgefühl so interpretiert: Ach, ich bin benachteiligt. Wo gehe ich jetzt eigentlich hin, dann habe ich mich entschlossen, doch mehr in die deutsche Richtung abzudriften, weil es da bequemer war. Denn die Türken haben es mir viel schwer gemacht. So habe ich es mir zurechtgelegt. Dies ist auch eine Sichtweise, die ich ändern muß. Ich habe mir vorgenommen, meinen Blick zu erweitern, in dem ich zurückschauen möchte: Wo komme ich her? Wie ist es? Von daher ist es etwas Positives, das sehe ich auch so. Ich denke, das hilft mir allein wenig. Die Sichtweisen haben sich verändert. Wir alle sehen schon etwas mehr.

Deswegen möchte ich gar nicht sagen: Ach, wie arm sind wir! Das stimmt gar nicht mehr. Es hat sich alles gleichzeitig entwickelt. Das ist ein Erkenntnisgewinn. Darauf kann man stolz sein oder nicht. Es ist positiv zu bewerten. Darauf zu beharren, daß wir zerissen sind, hat kein Sinn mehr.