Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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HAGAR: Was sie da gesagt hat, ist eine Tendenz, die gegen Ende der 80er Jahre verstärkt auftritt. Gegen Ende der 70er Jahre hieß es: Entweder - oder. Und das war dieser Integrationsprozeß, der von der deutschen Regierung immer wieder diskutiert wurde. Keiner hatte Beispiele, jeder sollte sich aber integrieren, falls man hier bleiben sollte. Das hat viele Jugendliche dazu bewogen aufzugeben oder die Frage zu stellen: Was mache ich? Wie versuche ich es? Wie finde ich mich? Es gab einen hohen Anteil von Mädchen, die ihre Eltern verlassen haben. Die Zahl ist Gott sei Dank zurückgegangen. Einige wollten wieder bereitwillig zurückgehen. Diese Form der Vergangenheitsbewältigung: Wer bin ich? Wozu bin ich getrieben worden? Ich denke, das ist für mich auch ein Grund, zu sagen: Ich trage meine Kleidung, mein Kopftuch mit Stolz. Weil ich weiß, es gibt mir was und hindert mich nicht an meinem Dasein. Ich bin so, ich glaube. Ich kenne eine Frau, die im Krankenhaus arbeitet und am Arbeitsplatz keinen Kopftuch trägt, weil sie dann schlecht behandelt wird. Diese Art des Zurückweichens muß es nicht geben.

KADIOGLU: Wir haben ja diese Zerissenheit hier fast verschönert und so dargestellt, wie wir es selbst empfinden. Natürlich sind wir die Privilegierten, die diese Zerissenheit in positive Richtung lenken können. Aber das ist nicht immer möglich. Da müssen wir bei der Mehrheit bleiben. Die Mehrheit kann sich nicht so entwickeln wie wir eventuell. Diese neue Generation hat diese Möglichkeit nicht. Als diese Kinder in den 80er Jahren zur Schule gehen sollten, sind sie in die Vorbereitungsklasse, in die nationale Klasse hineingeschoben worden ohne ihre deutschen Genossen. Jahrelang sind sie in diesen Klassen unterrichtet worden. Denken Sie einmal, welche Entwicklung bei diesen Kindern stattfinden kann. Das geht ja gar nicht. Sie können nicht richtig deutsch. Sie können nicht richtig türkisch. Was können sie denn überhaupt in dieser Gesellschaft machen? Diese Gesellschaft kennen sie nicht und daher können sie auch keinen festen Boden unter ihren Füßen haben. Es gibt aber äußere Umstände, die sie in andere Richtung lenken. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt den richtigen Weg kenne. Ich kann nicht mit meinen Ansprüchen sie in eine Welt hineinführen, weil meine Ansprüche ganz anders sind. Soll ich mich in ihre Situation hineinversetzen, dann kann ich sagen: Aha! Das kann ich aber nicht machen, weil ich diese Entwicklung gemacht habe. Frage: Welche Rolle, welchen Stellenwert spielt für sie Religion. Ich studiere Islamwissenschaften, es ist für mich ein Traumstudium geworden. Ich habe fünf Jahre in der Türkei gelebt und "Yol" war einer der besten Filme, die ich je gesehen habe. Welche Rolle spielt für sie Religion? Ich denke, es kann wichtig sein für eine persönliche Entwicklung. Oder ist es nicht eine Hemmnis, eine Zuflucht, die ein Frei-Sein negativ beeinflußt.

NEUSEL: Dies ist eine schöne Frage für die Schlußrunde. Da kann jede vom Podium dazu etwas sagen.

Frage: Ich wollte Frau Kadioglu ergänzen. Die Zeit der national-homogenen Vorbereitungsklassen sind vorbei. Was es heute gibt an einigen Orten sind multikulturelle Klassen, in denen die deutsche Sprache intensiv gelehrt wird, was ich für sehr sinnvoll halte, denn der Sprung für ausländische Kinder in eine deutsche Klasse ist ein Sprung ins kalte Wasser. Die Fördermöglichkeiten sind dort erfahrungsgemäß sehr schlecht. Sie sprachen davon, daß es nicht möglich ist, in der eigenen Entwicklung zurückzugehen, wenn ich Frauen mit anderen Ansprüchen begegne. Das ist aber auch der Grund für Sozialarbeit, Sozialpädagogik. Das hat auch damit zu tun, die Anderen ernst zu nehmen. Es wäre eine pessimistische Sicht, zu behaupten, weil ich eine Entwicklung hinter mir habe, daß eine Begegnung mit Anderen mit anderen Ansprüchen mißlingen würde.