Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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HAGAR: Ich bin in der Türkei, in Malatya geboren, in Anatolien, eine Stadt, die gekennzeichnet ist von einem Miteinander zwischen Christen, also Armeniern, einigen Juden, mehreren Kurden und Türken, hauptsächlich Sunniten. Ich bin also in dieser Vielfalt aufgewachsen und nicht unweit der Gegend, wo Özal die ersten Jahre verbracht hat. Ich habe noch zwei andere Geschwister. Sie sind Brüder. Wir sind mit dem Vater im Jahre 72 nach Deutschland gekommen, er war eine der ersten Mitarbeiter hier im Konsulat, wir sind ihm nachgefolgt aufgrund der Ausbildung. Also wichtig war bei uns von Anfang an die Ausbildung; die Ermsglichung einer guten Ausbildung. Wir sind hinzugekommen. Kennzeichnend für mich war in den ersten Jahren die Zurückdrängung, d.h. ich hatte in der Schule unter meinen Gleichgesinnten, unter meinen Mitschülern sehr geringe Akzeptanz gefunden. Ich war stets verdrängt und war stets verachtet worden. Ich war immer diejenige, die nicht zu Geburtstagen eingeladen wurde, oder wenn wir uns vor der Klasse in der Reihe aufstellten, da war ich diejenige, die keinen Partner hatte. Ich war die, die in der letzten Reihe stand, aber ich war die Beste in der Klasse. Ja, es war vielleicht eine Ausnahme, genau das, was man vom sozialen Umfeld genommen hat. Vielleicht dadurch, daß ich es in den ersten Jahren sehr schwer hatte, eine gute Freundin zu finden, habe ich mich in die Bücher vertieft. Mein Vater reiste oft in die Türkei mit meiner Mutter und sie holten stapelweise Bücher. Vielleicht habe ich meine Türkischkenntnisse dadurch erlernt, sonst hätte ich es wie Andere verlernt. Ich hatte einen schulischen Aufstieg gehabt, der nicht normal war. Ich kam zuerst ein Jahr in die Grundschule, danach mußte ich auf die Hauptschule gehen, obwohl ich die Erste in der Klasse war, es wurde so von oben diktiert. Ich kam zwei Jahre in die Hauptschule. Auf Drängen meiner Eltern kam ich dann in einen Aufbaugymnasium. Es war eine sehr schöne Welt. Du hast dich nicht damit beschäftigt, ob jemand ein Grieche oder ein Türke war. Wir waren sehr gemischt, wir hatten verschiedene Nationalitäten: Chinesen, Japaner, Indonesier... Es war eine multikulturelle Gesellschaft, was wir hatten. Wir hatten einen guten Lehrer gehabt, der es verstanden hat, uns zusammen zu erziehen, uns alle als gleichwertig anzusehen. Das war mein Deutschlehrer. Dieser Lehrer hat einiges auch bei mir bewirkt. Nämlich die Nähe zu den Wissenschaften, hauptsächlich den Gesellschaftswissenschaften. Ich war noch nicht 13, da las ich unter dem Pult Max Weber, Comte und andere Soziologen. Was meine Lehrer sehr erzürnte, aber ich sagte, es ist mir einfach zu langweilig sieben Stunden das Gleiche zu lesen, was man in einer Stunde verstehen kann, das kann man von mir nicht erwarten. Ich habe mein Studium in Bochum absolviert: Sozialwissenschaften. Ich habe mit einem Kind und mit einem Mann studiert. Wir haben also alle drei studiert. Sie haben es sich sehr gut aufgeteilt. Ich habe innerhalb von fünf Jahren studiert, was nicht leicht ist, wenn man bedenkt, daß man manchmal schlaflose Nächte hat und wenn man weiß, daß man den Stundenplan durch zwei aufteilen muß, mein Mann nach mir und ich nach ihm. Danach habe ich eine kurze Tätigkeit an der Uni gehabt, mußte aber dann aufhören, weil mein Mann ein Job bekommen hatte sehr weit von uns entfernt und ich nicht imstande war, sechs Monate lang alleine für die Kinder da zu sein und den Vater wenig zu sehen. Danach arbeitete ich und arbeite immer noch bei einer mannheimer Beratungsstelle für junge türkische Mädchen und Frauen. Ich denke, meine Arbeit ist das Ergebnis meiner Lebensvorstellungen. Nämlich weg von der Tradition, von dem, was überholt ist, hin zu einer sinnstiftenden Lebenseinstellung. Der Sinn meiner Tätigkeit, gibt mir auch Kraft weiterzumachen. Ich habe auch andere Tätigkeiten, z.B. bin ich hier. Ich habe auch als `ZwangsjournalistinÇ gearbeitet, d.h. viele Zeitschriften und Zeitungen bedrängen mich, bis ich was schreibe. Ich denke, das ist mein Lebensinhalt.