Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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BERRAKKARASU:Ich bin 62 in Istanbul geboren. Väterlicherseits war mein Großvater Araber, meine Großmutter Tscherkessin; mütterlicher- seits war mein Großvater Kurde, meine Großmutter Tatarin. Ich bin in Istanbul geboren und lebe seit zwanzig Jahren in Deutschland und habe zwei Jahre in Amerika gelebt. Machen Sie jetzt meine nationale Identifikation aus, scheint sehr schwierig zu sein. Ich bin im Zuge der Familienzusammenführung 72 nach Deutschland gekommen, nach Lübeck, wo ich immer noch lebe und habe nach der Schule eine Bankausbildung und anschließend auf dem freien Bildungsweg die Fachhochschulreife gemacht. Dann bin ich zwei Jahre nach Amerika gegangen, wo ich einfach nur herumgereist bin. Als ich zurückkam, habe ich im autonomen Frauenhaus in Lübeck gearbeitet als Betreuerin und habe anschließend eine einjährige Filmausbildung gemacht und mache seitdem Dokumentarfilme. Warum ich filme? Weil es in erster Linie ein tolle Entdeckung war. Ich weiß es nicht, ob sie Heacock kennen, er ist ein großer amerikanischer Dokumentarist und ich müßte lange reden, um zu sagen, was den Reiz des Dokumentarfilms ausmacht für mich, das ist der erste Punkt. Natürlich setze ich auch die Wurzeln, die ich aus der Türkei und Deutschland mitgebracht habe, in diese Filme ein. Das bedeutet aber nicht, daß ich alleine Filme machen will über türkische Frauen oder türkische Mädchen oder über Emigrantinnen, sondern einfach das Medium Film benutze, um auf irgendeine Art in einer solchen Gesellschaft wirken zu können. Der letzte Film, den ich gemacht habe, heißt "Tschter zweier Welten". Da ging es um ein türkisches Mädchen und um ihre Mutter, die in Hamburg leben und um die Schwierigkeiten, die beide miteinander haben, durch unterschiedliche Ansichten, ihre Lebensweise und durch Generationskonflikte, die entstanden sind. Für mich war die wichtigste Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, das war keine freie Entscheidung, sondern ich wurde von meinen Eltern nach Deutschland gefahren. Es ist für mich keine freie Entscheidung in der Türkei geboren zu werden, ich bin ja geboren worden, aber als ich auf der Suche nach einem anderen Land, nach Msglichkeiten wo anders zu leben, in Amerika war, entdeckte ich, daß immer dort besser ist, wo ich gerade bin und entschied mich in Deutschland zu leben, weil ich für mich das Gefühl hatte, hier am besten diese Dinge umsetzen zu können, die ich machen wollte, also für mich ist es dann eine freiwillige Entscheidung gewesen. Das hat dieses Weggehen und das Zurückkommen einfacher gemacht und das war ein Punkt, wo ich das Gefühl hatte, nicht gezwungen zu werden, sondern mich frei zu entscheiden, wo ich das Gefühl hatte: Ich habe für mich etwas ausgesucht, wo ich mich am besten entfalten kann.

KADIOGLU: Ich heiße Süheyla Kadioglu. Ich habe - glaube ich - am Podium meine richtige Stelle gefunden. Ich bin also zwischen jungen Frauen in der Migration. Ich habe immer so gelebt, seitdem ich 1967 in BRD lebe. Ich war immer mit jungen Menschen zusammen, habe versucht, für sie was zu tun. Ich war auch mit ihnen traurig und mit ihnen froh, wenn sie auch immer traurig oder froh waren. Jetzt, etwas von mir. Ich habe in der Türkei zuletzt in Ankara gelebt, aber auch noch in verschiedenen Städten. Ich habe in Ankara mein Gymnasium absolviert, danach bin ich hierher zum Studium gekommen. Mein Alter werde ich nicht verraten. Ich habe hier Germanistik, Orientalistik und Politikwissenschaft studiert, habe an verschiedenen Stellen gearbeitet. Als ich Fachstudentin war, habe ich für türkische Kinder und Jugendliche verschiedene Sachen gemacht, vor allem Beratungen. Ich war für sie als Lehrerin tätig, habe für Deutsch oder Türkisch Nachhilfestunden oder Ergänzungsunterrichten gegeben. Nach dem Studium habe ich an der regionalen Arbeitsstelle zur Fsrderung Ausländischer Kinder und Jugendlichen und anschließend an der Universität Duisburg in einem Lehrauftrag gearbeitet. Da habe ich zwei Projekte selber konzipiert und durchgeführt, der eine war über sinnvolle freizeitliche Beschäftigungen für türkische Jugendliche. Die andere war ein Projekt, die ich mit türkischen Mädchen durchgeführt habe. Zur Zeit arbeite ich im Zentrum für Türkei-Studien als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ich mschte vor allem sagen, daß ich mit zwei verschiedenen Identitäten lebe. Ich habe in der Türkei eine Sozialisation abgeschlossen, das war etwa zwanzig Jahre. Diese Sozialisation habe ich total abgeschlossen und habe ich hier fast so lange eine andere Sozialisation gemacht. Ich habe von der Türkei die türkische Denkstruktur der türkischen Gesellschaft mitgebracht, aber diese Denkstruktur habe ich mir angeeignet. Nun wenn ich bei den türkischen Familien bin, wenn ich mit den Türken, mit türkischen Migranten was zu tun habe, rede ich, wie sie verstehen können. Ich kann also nicht so reden, wie ich sonst mit deutschen Kollegen oder deutschen Freunden überhaupt rede. Wenn ich unter Deutschen bin, dann rede ich, wie sie mich überhaupt verstehen können. Also diese gespaltene IdentitSt ist ich auch bei mir zwar nicht so sehr problematisch, weil ich diese Sozialisation schon abgeschlossen habe, aber ich habe so eine gespaltene Identität. Nun das muß man nicht negativ sehen, das ist nämlich ein positiver Aspekt. Und nun mschte ich auch als Frau etwas sagen. Ich habe also mindestens zwanzig Jahre an Erfahrung in der Arbeitswelt und daher habe ich die Erfahrungen auch als Frau gesammelt und diese Frau war immer von ihrer männlichen Kollegen benachteiligt worden, das habe ich sehr nah gespürt, aber nicht nur als Frau, sondern auch als Ausländerin bin ich benachteiligt worden. Das sind meine Erfahrungen, die ich negativ erlebt habe, aber ich habe natürlich sehr viele positive Erfahrungen erlebt, vielleicht können wir dann im Laufe der Diskussion diese Punkte noch anschließen.