Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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NEUSEL: Vielen Dank. Wir haben jetzt diese Reihe durchgemacht. Ich habe mich ganz zum Schluß, als Alev sich vorgestellt hat, entschieden mich auch vorzustellen, weil es eine sozusagen 7. Variation ist. Ich fasse mich aber ganz kurz. Ich bin in Istanbul geboren, wie einige hier, im Jahre 1936. Ich bin praktisch in diese kemalistische Reformen hineingeboren und in einer kosmopolitischen Großstadt groß geworden. Ganz ähnlich wie in Malatya war ich mit sehr vielen nichtmuslimischen, vor allem christlichen und jüdischen Minderheiten zusammen aufgewachsen. In unserer Familie gab es sehr viele Freunde aus diesem Bereich und ich bin mit deren Kindern großgeworden. Für mich bedeutet dieses Fremdsein eine zusätzliche Bereicherung von Kindheit an. Ich bin dort in eine Mädchenschule gegangen, in der kemalistische Lehrer unterrichteten, habe dort also eine hohe Achtung vor Frauen gelernt, vor dem Frausein. Ich habe auch nie gelernt, daß Frauen minderwertig seien. Ich war eine gute Schülerin und zu dem Studium haben meine Familie mich nach Stuttgart geschickt. Ich habe an der Technischen Hochschule studiert und bin sozusagen von einer Frauenwelt in die Männerwelt hineingekommen, gar nicht von der Türkei nach Deutschland, sondern von einer Frauenwelt, in dem für mich starke, sehr bedeutende Frauen als Vorbild lebten, in eine Männerwelt, in eine Technische Hochschule gekommen, in der kaum Studentinnen da waren. Das alles ist mir viel später bewußt geworden. Das war - glaube ich - der einzige Kultur- schock. Ich habe dann das Studium beendet, dann habe ich sehr früh geheiratet. Mein Mann ist Deutscher. Wir haben zwei Kinder zusammen, die jetzt auch älter sind, sie haben schon bereits auch das Studium beendet. Zu Beginn hatten wir sehr enge Kontakte zur Türkei gehabt, bis 1960. Mit dem Militärputsch gab es in meiner Familie Probleme. Danach bin ich viele, viele Jahre nicht mehr in die Türkei zurückgegangen und habe meine Kontakte vsllig abgebrochen. Denn meine Umgebung vergaß, daß ich türkischer Herkunft bin. Ich bin Anfang der 70er Jahre nach Kassel gewechselt, um dort das neue Reformkonzept einer Hochschule mitzugründen. Ich bin sozusagen in diese Gesellschaft hineingetaucht und habe die Herkunft vergessen bis eigentlich Ende der 70er Jahre. Ich bin dann aufgefordert worden, mich zufällig darum zu kümmern, daß ich auch der türkischer Herkunft bin und zwar von Absolventinnen in dieser Hochschule: Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, die mit türkischen Familien und türkischen Frauen zusammengearbeitet haben. Dort habe ich eine internationale Frauengruppe aufgebaut, habe sehr viel Bildungsarbeit für türkische Frauen gemacht.

Ich komme aus einer Familie, in der Frauen eine ganz große Rolle spielten. Starke, bedeutende Frauen waren für mich Vorbilder und ich war immer wieder erschrocken, was für ein Bild von der türkischen Frau hier herrschte: Eine unterdrückte, eine stille oder eine, die für ihre Identität nicht kämpfen kann. Ich sah die türkische Frau gar nicht so und das war so mein Engagement, warum ich wieder eingestiegen bin. Ein Treffen mit Sirin Tekeli - das war Mitte der 80er Jahre - hat mich wieder in die Türkei zurückintegriert, mit den Kolleginnen dort. Sirin Tekeli war ein Semester bei uns und war in Kassel Gastprofessorin, ich habe ihre Veranstaltung besucht, ich war gerade zur Vizepräsidentin gewählt worden und sie hat von der türkischen Frauenbewegung erzählt, von unserer Großmuttergeneration und plstzlich habe ich wieder meine Großmutter gefunden. Ich war sehr stolz auf meine Großmutter. Ich habe mit Sirin Tekeli zusammen und mit Meral Akkent das Symposium gemacht, woraus das Buch «Aufstand im Haus der Frauen« entstanden ist. Also das ist eine etwas andere Geschichte aber das wollte ich noch kurz vermitteln, um dieses sehr vielfältige Bild zu vervollständigen. Wir haben jetzt damit die erste Runde gemacht. Wenn ich sagte: wir haben hier Frauen zusammen an einen Tisch gebracht, die selbst als Person so eine ganz perssnliche Lssung des Problems als Türkin in der BRD darstellen. Ich mschte jetzt zum Thema kommen. Thema "Als Türkin in der BRD" ist uns gestellt worden. Wir haben aber gestern oder vorgestern gehört, wenn von Frauen in der Türkei geredet wurde, als erstes wurde gesagt: es gibt nicht die Frau, es gibt eben viele Frauen. Als erstes Merkmal der türkischen Frau ist die Vielfalt, Heterogenität. Es gibt sehr unterschiedliche türkische Frauen, je nach geographischer Herkunft, sozialer Struktur, Bildungsstand, ethnische Zugehörigkeit... Aber auch Süheyla Kadioglu hat darauf gestern hingewiesen, daß man auch nicht von "der" türkischen Frau in der BRD sprechen kann, daß es hier auch sehr vielfältig ist. Ich möchte gerne deshalb jetzt an Süheyla Kadioglu die Frage stellen,wie sie "die" Türkin in der BRD sieht? So daß sie uns einen kleinen Einblick geben soll. Danach bitte ich hier am Podium sich frei zu melden, um diesen Einblick zu vervollständigen oder vielleicht auch eine andere Meinung zu vertreten.