Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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KADIOGLU: Die Auswanderung begann 1961, aber richtige Emigrations- verhältnisse bestanden seit 1973. Von dieser Zeit an kamen viele türkische Frauen und Mädchen in die Bundesrepublik infolge der Familienzusammenführung. Die ersten türkischen Frauen kamen von 61 bis 70 hauptsächlich von den Grsßstädten oder sie haben Zwischenstation gemacht. Sie waren zahlenmäßig sehr gering, fielen also nicht auf wie die türkischen Familien und Frauen heute. Es gibt aber seit 1973 Frauen, die aus ländlichen Gebieten kommen, sehr unterschiedlich sind und anders aussehen als Frauen, die in der Bundesrepublik heimisch sind. Sie fallen gleich auf, weil sie äußerlich etwas anders aussehen. Durch ihr äußeres Erscheinungsbild findet eine Kategorisierung in der BRD statt. Es gibt somit nur wegen ihrer Erscheinung eine Art «türkische Frau« und wenn sie als «moderne Frau« gekleidet sind, dann sind es nicht mehr `türkische FrauenÇ und wir hören die Leute sagen: Ach! Du siehst ja gar nicht türkisch aus! Und das empfinde ich als eine große Benachteiligung für Frauen in dieser Gesellschaft. Es hat aber eine Veränderung bei den türkischen Frauen stattgefunden. Sie sind nicht mehr «die« türkischen Frauen, die sie einst in der Türkei waren. Sie haben einen Sozialisationsprozeß durchgemacht, die die türkischen Frauen in der Türkei nicht machen können. Sie leben in zwei Kulturkreisen, sie wissen selbst nicht, ob sie nun dem deutschen oder an türkischen angehören. Aber sie sagen: Wir gehören zur türkischen Gesellschaft !, obwohl dies nicht stimmt, da sie meist nostalgische statische Bilder von der Türkei haben. Andererseits gibt es unter diesen türkischen Frauen unterschiedliche Gruppierungen aus verschiedenen Kulturkreisen in der Türkei, die aufeinanderprallen. Traditionelle, Religisse bis zu Liberalen. Deshalb kann man auch nicht von einem einheitlichen Bild der türkischen Frau sprechen.

NEUSEL: Dieses Bild der türkischen Frau, die zwischen zwei Kulturen zerrissen ist, ich finde dieses Bild ganz entsetzlich. Aber es ist in der Wissenschaft, in der Migrationsforschung vorhanden. Und es wird in der politischen Debatte von Konservativen wie von Linken benutzt. Wir verwenden es ja selber auch und reproduzieren es selber. Und glauben dann auch, daß wir alle inzwischen zerrissen sind. Ayse Saglar, eine Ethnologin aus Berlin, spricht von der Kultur als Zwangsjacke. Als ob wir in einem Gefängnis sitzen würden, das Kultur heißt und daraus könnten wir nicht herausbrechen. Das ist nicht meine Vorstellung von Kultur. Kultur ist etwas ganz dynamisches, was sich auch entwickelt. Es gibt keine Kultur, die unveränderlich ist. Es gibt nicht «die« türkische Kultur, «die« deutsche Kultur. Es ist alles im Wandel, Wechsel. Ich mschte diese Frage jetzt an das Podium stellen.

BERRAKKARASU: Ich beziehe mich jetzt auf meine Arbeit mit türkischen Frauen und Mädchen. Das ist ein Problem, das aufgezwungen wird. Es erwächst nicht aus uns heraus, sondern es ist, so wie unsere Umwelt uns begegnet. Die Sache mit der Nationalität ist eine Geschichte, die sich seit tausenden Jahren bis in unsere Zeit entwickelt hat. Rassismus entsteht dadurch, daß es Nationalitäten gibt, die sich als dominant empfinden und andere als niedrig abtun. Es ist anscheinend möglich in Deutschland, daß Deutsche mit Engländern oder mit Skandinaviern gut zusammen- leben, eine Multikultur zulassen, obwohl es da auch Unterschiede gibt, während sie griechische, türkische, italienische als unter sich einstufen. Diese Gespaltenheit zwischen zwei Welten empfinde ich als Selbstbewußtsein. Das heißt aber nicht, daß ich meine türkische Herkunft leugne. Ich könnte es auch gar nicht. Ich bin aber noch viel mehr. Ich lasse mich nicht reduzieren auf ein Land, wo ich geboren bin. Mich macht vielmehr aus. Wenn sie von Emigrantinnen der letzten 30 Jahre reden, meine ich, daß das Selbstbewußtsein gestiegen ist. Ich sehe es an türkischen Mädchen, die viel selbstbewußter sind und das Angebot hier an höheren Schulen auch nutzen.