Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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HAGAR: Den türkischen Frauen wurde hier in den letzten Jahren keine Persönlichkeitsentwicklung unterstellt, weil sie ja auch zu den Verdrängten gehörten, zu den doppelt Verdrängten. Sie werden im Arbeitsleben unterdrückt durch niedrige Bezahlung und schlechte Jobs. Hinzu kommt das Aussehen. Ich denke ja gerade durch mein äußeres Aussehen, was Du angesprochen hast, geschieht dies in doppelter Stärke, so daß man einfach sagt: Kopftuchträger - Kameltreiber. Es wird mir nicht nur von hiesigen, sondern auch von meinen Landsleuten entgegengeworfen, daß das Kopftuch Unwissenheit bedeuten und eine Einstellung gegen Arbeit, Studium darstellen würde. Wenn ich aber in dieser Gesellschaft leben und aktiv daran teilnehmen möchte, will ich auch aktiv an den Früchten Anteil haben. Ich denke, das ist ein Recht eines jeden, der hier lebt, der in jeder Gesellschaft lebt. Ich möchte auch nicht darauf verzichten. Ich versuche dies auch durch meine Beratungstätigkeit einer Frau zu erklären: Du mußt nicht aufgeben, Du mußt nur hinzugewinnen. Sie dürfen nicht denken: Ich muß aufgeben. Nein, man muß es nicht. Man muß versuchen, sich zu verändern. Wandel ist sehr essentiell für eine Tätigkeit, für eine aktiv dynamische.

NEUSEL: Vielen Dank. Ich möchte noch Alev fragen, ob sie was sagen möchte.

ACISU: Wir haben schon gestern über die zweite Generation diskutiert. Vor allem über den Zwiespalt. Ich würde das nicht Zerrissenheit, sondern Zwiespalt nennen. Zwischen der ersten und zweiten Generation gibt es ganz andere Voraussetzungen. Zur ersten Generation gehören sozialisierte Menschen, diese haben gewisse Normen oder Werte übernommen und kommen in einen Kulturkreis, in dem sie nicht mit diesen Werten leben können. Also müssen sie diese Werte ändern. Das ist nicht Zwiespalt. Ich sehe es nicht so dramatisch. Es ist natürlich und kein Problem. Was bei der zweiten Generation der Fall ist, daß sie zwei Kulturkreise kennen. Das Problem ist nicht die Zerrissenheit, sondern das überhaupt eine Erwartung an diese Generation gestellt wird. Sei es von der eigenen Familie, die erwarten, daß ich als Türkin und den damit verbundenen Eigenschaften leben soll. Oder von der deutschen Gesellschaft, in der Toleranz fehlt. Das Problem besteht darin, daß ich mich nicht daran gewöhnt habe: Ich muß zu irgendeiner Kultur gehören. Das muß nicht sein. Ich kann hier leben und aus einer türkischen Familie kommen und ein ganz eigenes Bewußtsein bilden. Die zweite Generation ist von diesem Bewußtsein geprägt. Wir können uns weder in die deutsche Kultur einfügen, weil wir einfach andere Voraussetzungen mitbringen, noch ganz in die türkische Kultur, weil wir nicht in diesem Kreis vollkommen leben.

AKKENT: Frau spricht von Kulturkreis, Frau spricht von türkischer, deutscher Kultur. Ich, als Referentin, habe Schwierigkeiten. Wir müssen uns bewußt sein, was wir mit dieser "Kultur" meinen. Wir sagen zwar ganz leicht: Es gibt nicht "die" deutsche Kultur, es gibt nicht "die" türkische Kultur. Wir sollten aber aufhören, Worthülsen zu verwenden. "Kultur" sagt zunächst nichts konkretes, ist eine Worthülse. Wenn ich zum Ausdruck bringe, was ich wichtig, schön, wertvoll finde in diesem oder dortigen Bereich. Ich finde Einiges in Gruppen gut. Ich finde es toll, daß Frauenforschung gemacht wird. Ich finde es schrecklich, daß Sexismus stattfindet. Man kann auch nicht sagen, daß es in der Türkei Sexismus gibt und hier in Deutschland nicht. Und in der Türkei gibt es in bestimmten Kreisen Sexismus und in anderen wiederum nicht. Dieser Unterschiede müssen wir bewußt werden. Dies beeinflußt auch unsere Sprache. Wie wir sprechen, das beeinflußt auch unser Bewußtsein. Die Sprache ist sehr wichtig, weil wir auf der Suche sind. Ich habe hier zwei Notizen für mich gemacht. Einmal als Serap angefangen hat, zu sagen: Ich sehe das Problem, es geht darum, zwischen zwei Kulturen zu sein. Ich sehe das Problem, hat sie angefangen und dann, das Problem ist von außen uns aufgetragen. Also sie war auf der Suche. Das passiert Allen automatisch. Wichtig ist nur, daß wir dieser Punkte bewußt werden. Alev sagte: Ich würde es Zerissenheit nennen. Das heißt, wir sind auf der Suche! Wenn wir einer Situation bewußt sind, dann sind wir auf der Suche nach den geeigneten Begriffen. Das ist mein Beitrag!