Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7 | Seite 8 | Seite 9 | Seite 11 | Seite 12 | Seite 13 | Seite 14 | Seite 15 | Seite 16 |

NEUSEL: Also wir sind auf der Suche! Ich möchte noch nicht dieses Stichwort aufnehmen, sondern das Stichwort - was vorhin in der Debatte war - sozialer Wandel. Die türkischen Migrantinnen leben seit 30 Jahren in der BRD. Vor 30 Jahren war Türke oder Türkin zu sein, synonym zu Arbeiter oder Arbeiterin zu sein. Meine These ist: Es hat sich verändert. Es gibt inzwischen in Deutschland eine türkische bürgerliche Gesellschaft, möchte ich fast sagen. Es gibt in der zweiten Generation Frauen, die studieren, berufstätig und selbständig sind. Es gibt Gewerkschaftlerinnen, Hausfrauen und Arbeiterinnen nach wie vor. Ich möchte zunächst von der Kulturdebatte zur nächsten Debatte übergehen zum sozialen Wandel, den ökonomischen und materiellen Bedingungen des Lebens hier. Ich möchte hier Nuran Akinci fragen. Es ist durchaus sehr wichtig als Frau und Türkin in dieser Gesellschaft, eine ökonomische Basis zu haben, um überhaupt frei zu sein. Welche Rolle spielen die ökonomischen und materiellen Bedingungen des Lebens hier?

AKINCI: Sie spielen natürlich eine große Rolle. Wenn die Frauen es geschafft haben, ökonomisch auf die gleiche Ebene zu kommen wie die Männer, dann haben wir alles hinter uns. Dann brauchen wir auch wirklich nicht zu diskutieren. Wenn wir auch als Ausländerin uns soweit ökonomisch gebracht haben, daß wir von den Anderen nicht abhängig sind, dann sind wir befreit. Auch in der Familie. Wenn die Mädchen unterdrückt werden, so müssen sie sich wirtschaftlich befreien. Sonst gibt es keine andere Befreiung. Wenn sie sich behaupten wollen, müssen die Frauen in das Arbeitsleben. Sie müssen auch solche Berufe ausüben, so daß sie alleine existieren können. Viele Frauen sind z.B. in Deutschland unterbezahlt und können alleine nicht existieren, weil dies typische Frauenberufe sind. Die Frauen müssen endlich aufhören zu sagen: Ich bin eine Frau und gründe eine Familie, ich brauche nicht zu arbeiten und mein Mann verdient ja für uns. Diese Idee muß geändert werden, sonst schaffen wir es nie.

BERRAKKARASU: Wir sind uns aber doch einig, daß es nicht die Schuld der Frauen ist, wenn sie in bestimmte Berufsbereiche nicht hineinkommen und wir so wenig Geld verdienen. Gut. Das wollte ich noch einmal sagen!

AKKENT: Ich möchte noch etwas hinzufügen. Berufliche Tätigkeit ist natürlich eine Voraussetzung. Wir sollten aber die patriarchalen Strukturen, die unser Leben sehr beeinflussen, nicht vergessen. Unser ganzes Dasein wird auch von patriarchalen Strukturen sehr beeinträchtigt.

NEUSEL: Wir haben jetzt nur ein paar Themen angerissen. Ich möchte Sie (das Publikum) gerne bald mit ihren Fragen einbeziehen. Lassen wir diese Punkte so stehen. Ich möchte nun zum letzten Punkt und zur letzten Runde kommen. Das ist die Zukunft. Wie stellen wir uns die Perspektive vor. Bisher gab es eine Analyse: Wie sieht es heute aus? In der letzten Runde soll es darum gehen: Welche Zukunftsperspektiven, welche Lebensentwürfe machen, welche Utopien haben wir von einem Zusammenleben hier, trotz aller Verschiedenheit? Ich möchte Dich nun bitten, Meral, Deinen programmatischen Entwurf von heute morgen einzuführen und zu verdeutlichen, was Du in Deinem Vortrag gesagt hast. Ich möchte weiterhin diese Frage dem Podium zur Diskussion stellen. Danach möchte ich das Wort an das Publikum weitergeben.