Podiumsdiskussion: Als Türkin in der BRD

-Frauen im Gespräch-

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AKKENT: Es wird sicher eine andere Gesellschaft werden, weil die Suche angefangen hat unter verschiedenen Aspekten. Wir treffen uns und diskutieren gemeinsam, das wird dazu führen, weil wir auch wollen, daß diese Gesellschaft eine andere Gesellschaft wird, in der wir zusammenleben, weil wir zusammen etwas machen wollen, die Einheimischen und Eingewanderten. Es gibt Chancen für die nächsten Generationen, ein neues Konzept zu hinterlassen. In dieser Gesellschaft, denke ich, geht es um Menschenrechte. Um die Menschenrechte zu beanspruchen, möchte ich nicht auf die bisherigen Definitionen angewiesen sein, d.h. ich möchte nicht mit meiner ethnischen und nationalen Zugehörigkeit argumentieren, um an einer bestimmten Ressource teilzuhaben. Ich möchte an den Ressourcen teilhaben, weil ich ein Mensch bin. Ich möchte die Gleichberechtigung aufgrund meines Daseins. Dazu brauchen wir auch die Individuen, d.h. sie können sich verständigen, um sich sichtbar zu machen. Die Vielfalt ist die Grundlage für eine neue Entwicklung. Vielfalt zeigen heißt, die Realität zeigen, Mut machen und für diejenigen, die Neues probieren möchten, Anregungen und Beispiele geben.

Wichtig in dieser neuen Gesellschaft ist Zugang zu den Rechten, Ressourcen, Entscheidungsgremien - die für alle da sein müssen - unabhängig von der ethnischen und nationalen Zugehörigkeit. Mit einer neuen Sprache, neuen Begriffen und Argumentationen können wir das schaffen.

NEUSEL: Ich möchte hinzufügen: Hier und woanders.

AKKENT: Völlig richtig: Auch woanders.

AKINCI: In einer Zeitung habe ich Folgendes gelesen: "Ausländer. Nur bedingt Anspruch auf Kindergeld. In einem Musterprozeß hat das Bundessozialgericht entschieden, daß Ausländer erst dann Anspruch auf Kindergeld haben, wenn davon auszugehen ist, daß sie nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer in Deutschland bleiben können. Dabei kommt es nach der höchstrichterlichen Feststellung im einzelnen Fall auf die voraussehbare Zukunft an. Zur Begründung erklärte das kasseler Gericht, das gesetzliche Kindergeld habe den Zweck, die Personen zu begünstigen, die in Deutschland ein Kind aufziehen, um dadurch ein Beitrag zur künftigen politischen und wirtschaftlichen Existenz in der BRD leisten." Wenn man solche Sachen liest oder dies: Sigbert Albert, er war Vizepräsident des Europa-Parlaments, sagt, "die Deutschen dürfen nicht in einem Bevölkerungsgulasch verschwinden." Oder Karl Dieter Spranger sagte: "Wir wollen kein Land mit mehreren gleichberechtigten Kulturen nebeneinander." Wenn man solche Sachen liest, dann bin ich wirklich eine Pessimistin.

HAGAR: Wenn wir von Emanzipation, Gleichberechtigung sprechen - dies sind sehr beladene Begriffe - dann gilt es für die ganze Welt- gemeinschaft, für jedes Mitglied der Gesellschaft. Da ist die Frau ein unabdingbares Mitglied. Falls dies nicht erfolgt, wird die Frau die doppelt Leidtragende sein, die weiterhin unterdrückt wird. Zu den Perspektiven der Zukunft: Es gibt sicherlich viele negative und positive Beispiele. Und auf die letztgenannten sollten wir bauen. Gerade solche Frauen wie wir, die eine Position und Möglichkeit haben, mit anderen in Kontakt zu kommen, sollten etwas in Bewegung setzen und hinterfragen. Aus diesem Miteinander kann sich einiges entwickeln.