Die historische Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik

Dr. Serpil ÇAKIR

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Nun, was bedeutete ihnen Feminismus, was für Erwartungen hatten sie vom Feminismus? Sie beantworteten diese Fragen folgendermaßen:

Feminismus will: Die Frau wird leben... die Frau wird wie ein Mann, neben ihrer Rolle als Hausfrau auch eine Arbeiterin, eine Beamtin, eine Ingenieurin, eine Ärztin, eine Abgeordnete, eine Ministerin werden können. Der Feminismus ist keine Bewegung, die die Moral schwächt und die Familie zerstört. Er ist keine Bewegung, die das Glück zerstört. Ganz im Gegenteil ist der Feminismus ein Weg, der auf die Moral aufbauend ein besseres Verständnis für Glück sichert. Ziel des Feminismus ist es, Ungerechtigkeit, Hilflosigkeit und Ungleichheit zu beseitigen und stattdessen eine neue und humane Ordnung zu bilden, die auf der Urteilskraft der Moral und des Gewissens basiert sowie in der Gesellschaft und der Familie ein aufrichtiges Gleichgewicht zu errichten. Feminismus würde demnach nicht nur die Frau, sondern auch das gesellschaftliche Leben verändern. So wie die Bewegung in jeder Hinsicht mit dem Leben verbunden sein sollte, sollte sie auch neue Lebensstrukturen hervorbringen.

Die Frauen wollten alle Veränderungen ohne die Unterstützung der Männer verwirklichen. Obwohl manche intellektuelle Männer ihre Hilfe anboten, lehnten sie diese ab, da sie an der Aufrichtigkeit dieses Angebots zweifelten:

Ja, manche osmanische Männer verteidigen uns, uns Frauen, wir sehen es, wir danken ihnen! Wir osmanischen Frauen haben eine uns eigene Sensibilität, unsere eigenen Traditionen und moralischen Werte; dies können männliche Schriftsteller uns nicht nachempfinden; so überlassen Sie uns doch bitte uns selbst; machen Sie aus uns kein Spielzeug ihrer Träume. Wir Frauen können unsere Rechte durch unsere eigenen Überzeugungen verteidigen. Von den ältesten Zivilisationen bis hin zu den heutigen, haben wir Frauen schon ganz andere Ämter bekleidet. Die Männer haben uns immer zu Gefangenen, zu Sklaven gemacht. Wie können wir dann die Aufhebung der Unterdrückung durch die Männer, dem Wohlwollen der Männer überlassen?

Die Frauen, die sich entschlossen hatten, ihren Kampf allein zu führen, machten hauptsächlich von zwei Mitteln Gebrauch: von der Presse und Vereinen. Die Publikation der ersten Frauenzeitschriften fällt in diese Periode.(4)

Diese, am Anfang von Männern herausgegebenen Zeitschriften, gaben den Frauen die erste Möglichkeit, sich zu äußern. Die somit ihre Unsicherheit verlierende, ermutigte osmanische Frau unternahm ihre ersten publizistischen Versuche. Nach der Frauenbeilage "Muhadarat", in der Zeitung "Terakki" (Zeitung für Fortschritt) 1868, folgten bis zur Ära der Republik über 30 Frauenzeitschriften in der Medienlandschaft. Die als erste Frauenzeitschrift zu bezeichnende "Aile" (Familie) erschien 1880. Die 1886 herausgebrachte "Süküfezar" war die erste Frauenzeitschrift mit einer Besitzerin und einer weiblichen Redaktion sowie Redaktionsleitung. Einen besonderen Platz nimmt die von 1896 an zwölf Jahre und 600 Nummern lang regelmäßig wöchentlich erschienene "Hanimlara Mahsus Gazete" (Zeitung für Frauen) ein. In der "Hanimlara Mahsus Gazete" konnten sich Frauen zum ersten Mal in ihrer Schriftstellereigenschaft vorstellen und ihre Romane als Fortsetzungen erscheinen lassen. Die von 1913 bis 1921 mit Unterbrechungen 200 Nummern lang erschienene "Kadinlar Dünyasi" (Welt der Frauen) hatte eine andere Mission übernommen; die des Presseorgans des Vereins zur Verteidigung der Rechte der osmanischen Frau.(5) Diese Zeitschrift war die kräftigste Stimme im Kampf der Frauen um ihre Rechte. Eine bis heute noch unerreichbare Eigenschaft von "Kadinlar Dünyasi" ist, daß sie von der Besitzerin zur Redaktionschefin, von der Journalistin bis hin zur Setzerin ausschließlich von Frauen herausgegeben wurde.