Die historische Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik

Dr. Serpil ÇAKIR

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In der Periode der konstitutionellen Monarchie war der einzige als feministisch zu bezeichnende Frauenverein der "Osmanli Müdaafa-i Hukuku Nisvan Cemiyeti (Osmanischer Verein zur Verteidigung der Frauenrechte), der auch die Zeitschrift "Kadinlar Dünyasi" (Welt der Frauen) herausgab.

Der osmanischen Frauen jeder Religion offene Verein war 1913 gegründet worden und hatte sich Aufklärung, Anleitung und Aktivierung der Frauen zur Aufgabe gesetzt. Aufgrund von Forderungen dieses Vereines konnten zum ersten Mal Frauen im Osmanischen Reich im öffentlichen Dienst, bei der Post tätig sein und eine dieser Frauen wurde sogar zur Arbeitsinspekteurin ernannt. Das Programm umfaßte auch Anstrengungen zur Gründung von Arbeitsstätten und Schulen. Die Frauen, die ihrer Stimme mittels Zeitschriften und Vereinen Gehör zu verschaffen versuchten, wollten vor allem Teilhabe am ihnen vorenthaltenen gesellschaftlichen Leben; sie plädierten für die aktive Übernahme außerhäuslicher Tatigkeiten. Die Frauen stellten jeden Lebensbereich in Frage. Von der Familienstruktur, den etablierten gesellschaftlichen Werten, der Bildung, dem Berufsleben bis hin zur Politik. Um den Kampf der Frauen und ihre Ausdrucksweise besser wiederzugeben, möchte ich einige Zitate aus Frauenzeitschriften herausgreifen:

Ich hatte einmal einen gebildeten jungen Mann sagen hören: " Was wollen Sie mehr! Wir lassen Sie im öffentlichen Dienst Ämter und Stellen einnehmen. Wir lehren Ihnen Künste, Sie gehen ins Theater, ins Kino usw. Ist dies denn zu wenig? "

Merken Sie es, sind die Worte "wir machen", "wir tun" nicht ein wenig überheblich? Als wenn gemeint würde: Wir haben Ihnen soviel gewährt, verlangen Sie doch nicht noch mehr. Ich fragte ihn: Haben Sie dies alles gewährt? Oder waren dies unsere Rechte? Daß wir im öffentlichen Dienst Ämter bekleiden können, ist unser erkämpftes Recht. Denn der Qualifiziertere bekommt den Job. Ist es in der Industrie und im Handel nicht so? Das heißt, wenn eine Frau sich bemüht, so kann auch sie eine gute Beamtin oder Vorgesetzte, eine gute Geschäftsfrau oder Künstlerin werden. Demzufolge ist dieses Recht nicht gewährt, sondern errungen worden. Rechte sind keine Almosen oder Wohltaten.

Diese Äußerung war eine Reaktion darauf, daß die Rechte, die die Frauen durch eigene Bemühungen errungen hatten, als Gnade der Männer dargestellt wurden. Diese Reaktionen sollten sich nunmehr in verschiedenen Bereichen fortsetzen und es sollte zu jeder nicht akzeptablen Entscheidung eine feministische Antwort geben. Die politische Geistesgeschichte neu interpretierend, kamen die Frauen zu dem Schluß, daß die Männer, während sie ihre eigene Freiheit forderten, in Wirklichkeit die Freiheit der Frauen verhinderten. Sie beschuldigten die Männer des Despotismus:

Die Männer haben durch enorme Reformen ihre Freiheit proklamiert. Nur bleibt da noch eine Masse, die ihre Freiheit noch nicht errungen hat, eine bedeutende Masse und das sind wir bedauernswerten Frauen. Ja, obwohl die Männer so freiheitsbegeistert scheinen, sind sie nichts anderes als kleine Despoten. Selbst als sie nach Freiheit schreiend auf dem ganzen Kontinent Blutbäder anrichteten, waren ihre Augen blind für die größere, weitaus wichtigere Gruppe, die der Frauen. Sie haben den Frauen, von politischen Rechten ganz zu schweigen, nicht einmal Menschenrechte zugestanden. Sie begannen, untereinander einig, diejenigen, die unsere Rechte verteidigen wollten als `Feministinnen` zu verspotten.