Die historische Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik

Dr. Serpil ÇAKIR

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Gewalt in der Ehe, was ja leider heute noch aktuell ist, wurde damals ebenfalls diskutiert. Es wurde berichtet, daß in vielen Ehen Frauen den Gewalttaten ihrer Männer öffentlich oder hinter verschlossenen Türen ausgesetzt waren, daß sie die Taten ihrer Männer zu rechtfertigen versuchten und daß ganze stillschweigend hinnahmen:

Gott sei Dank hat er einen guten Charakter, er nimmt eben alles ein bißchen genau, das ist eben mein Schicksal, es gibt eben keine Vollkommenheit. Gott bewahre vor Schlimmerem. Mein Mann ist doch der wahre Engel, verglichen mit so und so. Ach, meine Liebste, Sie hätten meinen Mann erleben sollen, als er noch jung war, jetzt ist er ein halber Heiliger.

Mit diesem Zitat wurde klargestellt, daß Frauen mit solchen Gedanken versuchten, sich zu trösten und daß ihnen nichts anderes übrigblieb, weil man von ihnen von Kindheit an Gehorsam gegenüber Männern gefordert hatte. Aber Frauen, die die Schuld nicht nur auf der einen Seite gesucht sehen wollten, sagten: "So wie es der Mann ist, der die Frau unterdrückt, so ist es die Frau, die ihm diese Erziehung gibt" und machten auf die wichtige Rolle der Frauen in der Umerziehung neuer Generationen aufmerksam. Wenn falsche †berzeugungen und falsche Werte nicht angeprangert würden, wenn es keine Veränderung in der Erziehung geben würde, könnte man sich nur mit sinnlosen Fragestellungen der Art, "was war zuerst da, das Ei oder die Henne" auseinandersetzen. Briefe mit Beschwerden von Frauen über die Gewalt ihrer Männer erreichten durch die Zeitschriften zahllose LeserInnen. Zum Beispiel beklagte eine Frau in ihrem Brief mit dem Titel "Was bedeutet ein Ehemann?" ihr Leben mit ihrem Mann in folgender Weise:

Männer, diese niederträchtigen Geschöpfe! Was sie nicht alles versprechen, bevor sie uns erobern. Aber wenn sie uns erst einmal haben, wird keines dieser Versprechen gehalten. Bis er aus dem Bett aufsteht und seinen Kaffee trinkt, redet und redet er, dann kommt es zum Anziehen, dabei wird über den kleinsten Fleck, den man nicht gesehen hat, geschimpft, über den nicht rechtzeitig angenähten Westenknopf. Ich fluche insgeheim: "Dein Kopf soll auch eines Tages wie der Knopf der Weste hängen". Dann macht er sich eine halbe Stunde lang vor dem Spiegel schön und gibt dabei seine Anweisungen und fügt noch hinzu: «Daß du es aber ja nicht vergißt!« Nachdem ich ihn mit Mühe und Not losgeworden bin, kann ich mich nicht einmal ein bißchen ausruhen, denn ich muß die Wünsche meines lieben Herren erledigen.

Im Brief steht weiterhin, daß die ganze Sache abends, wenn der Mann nach Hause kommt, eine ganz andere Dimension bekommt und er sich ohne nur ein Wort gesagt zu haben, mit Raki zu betrinken beginnt: "Es ist zum Verrücktwerden. Wenn man morgens aufsteht, fängt das ganze Theater von vorne an. So kann man sein Leben dahinschleppen bis zum Friedhofstor." Und eine ältere Frau hatte den Begriff des Ehemannes leicht ironisch in folgender Weise definiert:

Ach meine lieben Kinder! Ihr kennt noch nicht das Leben und die Männer! Für die ist das Leben eine Geige. Sie brauchen immer Saiten zum Spielen und diese Saiten sind die Frauen. Aber nachdem man zehn bis fünfzehn Kompositionen mit den Saiten gemacht hat, muß man sie auswechseln. Nun ja, man kann sich nicht immer die Töne derselben Saite anhören, das langweilt... Meine lieben Kinder! Ihr habt die Bedeutung, den Sinn des Ehemannes noch nicht verstanden. Der Mann macht einen alt. Wenn der Ehemann einem aufblühen ließe, würde man ihn doch nicht "koca" (2 Bedeutungen: Ehemann, alt), sondern "gonca" (Knospe) nennen.