Die historische Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik

Dr. Serpil ÇAKIR

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Es wurden auch Argumente durchdiskutiert, die gegen die Berufstätigkeit der Frauen sprachen und es wurden Antworten auf diese Argumente gegeben. Die Frauen, die erkannt hatten, daß zuerst die "Frage des Kindes" zu lösen sei, erklärten Ausreden, gemäß derer es keine Frauen mehr zur Betreuung der Kinder geben würde, falls alle berufstätig wären, für nicht richtig. Es wurden mit den heutigen Kindergärten zu vergleichende Institutionen gefordert. Diese Kindergärten sollten nicht nur den Eintritt der Frauen in das Berufsleben erleichtern, sondern auch eine pädagogische Erziehung der Kinder ermöglichen. Es wurde auch darauf hingewiesen, daß Frauen nicht als für den Haushalt verantwortliche mit Brutapparaten vergleichbare Maschinen angesehen werden sollten. Es wurde auch berichtet, daß der Kampf der Frauen um die Rechte, die Männer in Panik versetzt hätte und man behauptete, daß der Grund der Beunruhigung der Männer die Angst um ihre Arbeitsplätze wäre. Die Interessen der Frauen waren so breit gefächert, so daß auch der Politik ihr Teil zukam. Dieses Interesse wurde zum ersten Mal am Anfang der konstitutionellen Periode zur Bedrohung. Von den Forderungen der Frauen, die Eröffnungsreden im Parlament verfolgen zu dürfen, wurde in der Zeitschrift Servet-i Fünun (Schätze der Wissenschaft) vom 17.12.1908 folgendermaßen berichtet:

Gestern sind islamische Frauen zum Zentrum des Vereins "Ittihat ve Terakki Cemiyet-i Merkezi (Verein für Fortschritt und Einheit) gekommen und haben beantragt, bei der offiziellen Eröffnung des Parlaments dabeisein zu dürfen. Sie erklärten, daß, wenn ihnen im Gegensatz zu den christlichen Frauen dieses Recht verwehrt werden würde, auch sie, ebenso wie die Engländerinnen, die vor dem englischen Parlament demonstriert hatten, Demonstrationen organisieren würden.

Außerdem gründeten Frauen wenige Monate nach der Ausrufung der Republik am 16.6.1923 eine politische Partei mit dem Namen "Frauenvolkspartei". In ihrer Eingabe an die Regierung betonten sie, daß, obwohl die Frauen im ganzen Lande von den politischen, sozialen und ökonomischen Problemen betroffen seien, auf diesen Gebieten keine bemerkenswerten Fortschritte erzielt worden seien. Sie forderten, daß das allmähliche Hervortreten weiblicher Existenz und Persönlichkeit sich zu einer Massenbewegung entwickeln sollte und daß die sozialen, ökonomischen und insbesondere politischen Rechte der Frauen ausgeweitet werden sollten. Mit der Begründung, ohne politische Rechte für Frauen könnte die Legalisierung einer von Frauen gegründeten Partei nicht erfolgen, wurde der Partei das Recht auf Anerkennung verweigert.

Entgegen den bisherigen Darstellungen waren die Frauen in der Vergangenheit nicht untätig, sondern kämpften entschieden für ihre Rechte. Zweifellos gab es Gründe für diese Fehleinschätzung. Wie bei jeder neuen Ideologie wurde auch in der jungen Republik die Vergangenheit verleugnet und es entstand ein historischer Einschnitt. Hierbei trat insbesondere die Geschichte der Frauen in Vergessenheit. Nachdem die Frauenvolkspartei verboten wurde, kämpften die Frauen im neu gegründeten "Türk Kadinlar Birligi" (Türkische Frauenvereinigung) für ihre Rechte. Ihre Bemühungen trugen jedoch erst durch die staatlichen Reformen Früchte, die den Weg in eine säkularisierte und demokratische Gesellschaft einleiteten. 1926 wurde das Zivilrecht verabschiedet. 1930 bekamen Frauen volle politische Rechte für die Kommunalwahlen, 1935 für die Parlamentswahlen. Das aktive und passive Wahlrecht erhalten zu haben, war eine große Errungenschaft. Zur selben Zeit war vielen Frauen in den westlichen Ländern dieses Recht noch nicht zugebilligt.