Die historische Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei vom Osmanischen Reich bis zur Türkischen Republik

Dr. Serpil ÇAKIR, Istanbul

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Istanbul, 1. Mai 1913 - Eine Theaterbühne - Am Rednerpult eine enthusiastische, junge Frau, die - wohl reflektiert - sagt, was sie denkt. Halide Edip:

"Heute", sagt sie, "von einem großen und öffentlichen Theatersaal aus, über ein für Frauen derart tabusiertes Thema zu sprechen und in diesem Theater eine aus osmanischen Frauen zusammengesetzte, verehrte, große Versammlung vorzufinden, die diesem Thema zuhören möchte. Dies alles sind Dinge, auf die wir stolz sein können. Heute zu dieser Stunde, in der ich mich an Sie wende, Sie mir zuhören, machen auch wir zweifelsohne Geschichte. Wenn unsere Enkelkinder diese Entwicklung voller Stolz weiterführen, so daß darüber eine lange Konferenz gehalten werden kann, werden sie natürlich auch unseren hilflosen, aber mit ehrlichen Willen und Aufrichtigkeit erfüllten, mit zahllosen Schwierigkeiten geführten Kampf erwähnen." (1)

Ich bin stolz darauf, eines dieser Enkelkinder zu sein, mit der Verantwortung, die mir diese historische Mission auf die Schultern geladen hat. Dies ist eine große Verantwortung, weil wir Frauen jahrelang ohne Kenntnis unserer eigenen geschichtlichen Entwicklung gelebt haben. Zudem sind die Informationen, die wir erhalten haben irreführend und unzureichend. Uns wurde bis jetzt gesagt, daß Frauen bei gesellschaftlichen Umwälzungen keine wichtige Rolle übernommen hätten. Es wird immer behauptet, daß erst im Zuge der Rechtsreformen in der Republik Frauenrechte gewährt worden seien, daß davor keine Bemühungen dieser Art stattgefunden hätten, daß seitens der Frauen in der Türkei keine Forderungen gestellt worden wären und daß es keine Frauenbewegung gegeben hätte. Diesen Feststellungen entsprechend wußten die Frauen in der Türkei ihre Rechte nicht zu schätzen und kämpften nicht dafür, da sie sie ohne Kampf bekommen hätten. Dabei hatten Frauen im 19. Jahrhundert, einer Ära der Umwälzungen, mit ihren Gedanken, Aufständen, Forderungen und Aktionen eine Bewegung in Gang gesetzt. Im Zuge wichtiger juristischer, erziehungswissenschaftlicher, gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen, die die osmanische Gesellschaft durchlebte, bekam auch die osmanische Frau ihren Anteil davon ab. In einer Epoche, in der im geistigen und gesellschaftlichen Bereich viele Vorreiter und viele Neuigkeiten zu finden waren, schlugen Frauen eine "Frauenreform" vor, die mit den gesellschaftlichen Strukturen und den Lebensformen eng in Zusammenhang stehen sollte. Sie erklärten, daß der Weg, den die Reformen folgen sollten, der der feministischen Frauenbewegung sei. Daß sie zur Beschreibung ihrer Bewegung das Wort Feminismus nicht gescheut haben, kann folgender Erklärung entnommen werden:

(...) Es gibt viele wichtige Dinge, die, obwohl in jeder Nation vorhanden, keinen einheimischen Namen haben, nicht einmal eine Übersetzung. Telegramm, Auto, Omnibus... Infolgedessen brauchen wir keinen Ausdruck wie Frauentum, Frauenrechtlerin. Wir ziehen es vor, wortgetreu den Ausdruck Feminismus zu benutzen. Was macht es schon aus, wenn wir ein Fremdwort mehr in unserer Sprache haben. Nur die Einheit und die Notwendigkeit des Feminismus kann nicht bestritten werden.(2)

Ja, sie haben sich nicht gescheut, von dem Fremdwort "Feminismus" Gebrauch zu machen, dies jedoch war keine einfache Nachahmung. Gegen mögliche Mißverständnisse fühlten sie sich verpflichtet, die Eigenschaften ihrer Bewegung zu erklären:

Wir imitieren nicht Europa. Falls das, was wir wollen und tun werden, dortigen Bewegungen ähnelt, so dürfen wir dies nicht als Imitation auffassen. Die Sache der Frauenproblematik muß gemäß der neuen Denkweise und den wesentlichen Gedanken dieses Jahrhunderts das bei weitem wichtigste Problem sein. Wir alle müssen jetzt begreifen, daß die Frau der Geist einer Volksgemeinschaft ist. Der Aufstieg und die Entwicklung der Frau bedeutet der Aufstieg und die Entwicklung dieses Geistes.(3)