Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli

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Die Genossenschaft der Schriftsteller und Übersetzer - YAZKO - wandte sich in dieser Zeit mit dem Wunsch, eine Serie von Aufsätzen über die Themen Frauen und Sexualität vorzubereiten, an Sirin Tekeli, die über das Thema Frauen promoviert hatte und ihre Stellung an der Universität wegen der neuen Hochschulreformen gekündigt hatte. Ich ging davon aus, daß eine Arbeit in diesem Umfang nicht von einer Person bewältigt werden konnte und setzte mich darum mit befreundeten Akademikerinnen und Journalistinnen in Verbindung, die sich für diese Themen interessierten. So wurde Anfang 1982 die erste (feministische) Genossenschaft zum Zwecke der Publikation gegründet. Die Diskussionen, die mit den Fragen um die Art und Form der Publikationen anfingen, führten dazu, daß die Mitglieder der Genossenschaft dabei auch ihre eigene Vergangenheit, ihre Bindungen zum Marxismus und zu der Linken, ihre Beziehungen zu ihren Ehemännern, Geliebten und Müttern hinterfragten. Auf diese Weise entstand die erste feministische Meinungsbildungsgruppe. In unserem Umfeld gab es viele Frauen, die an diesen Diskussionen teilnehmen wollten. Diesen haben wir empfohlen, ähnliche Kleingruppen zu bilden und haben begonnen, von Zeit zu Zeit gemeinsam Versammlungen unter dem Namen "Großgruppe" zu organisieren. Während dieser Entwicklung wurde viel westlich feministische Literatur gelesen, übersetzt und diskutiert. Fragen um gruppeninterne Demokratie, Hierarchie und Führung wurden auf eine Weise zur Sprache gebracht, die dem Verständnis der linken Organisationen vsllig entgegengesetzt war. Innerhalb von sechs Monaten haben wir eine große Bewußtseinsveränderung erfahren. Die Frauensolidarität ersetzte die Klassensolidarität und die These von der Unterdrückung der Frau durch patriarchalische Strukturen ersetzte die These von der kapitalistischen Ausbeutung.

Dieses neue Bewußtsein führte zu Umwälzungen im Privatleben Vieler. Es gab Frauen, die sich scheiden ließen, getrennt lebten oder eine offene Beziehung vorzogen oder - noch ledig - Kinder auf die Welt brachten. Daraufhin entstanden die Behauptungen, daß es den Feministinnen nur um die sexuelle Freiheit ginge, sogar daß sie lesbisch seien. Um die in dieser arbeitsreichen Phase entstandenen Manuskripte zu veröffentlichen, war mehr Zeit notwendig, als uns zustand. Die YAZKO ging jedoch nicht darauf ein. So wurde der erste Abschnitt der Bewegung mit einem Symposium zur Frauenfrage, das von der Genossenschaft (YAZKO) zu Werbezwecken organisiert wurde, beendet. Wir hatten zwar das Ziel der Publikation nicht erreicht, aber im Rahmen des Symposiums wurden zum ersten Mal vor einer breiten Öffentlichkeit feministische Ansichten vertreten. Dabei stand uns die französische Feministin Giselle Halimi, die wir als Beistand gegen das erwarteterweise verschlossene und konträr gestimmte Publikum eingeladen hatten, tatkräftig zur Seite.

Nach dem Symposium fand durch junge Frauen, die sich mit uns in Verbindung setzten, die erste Erweiterung statt. Unsere Anzahl belief sich zwar immer noch auf nur 100-150. Obwohl auch die erstrebte Publikation nicht verwirklicht wurde, hatten die Frauen nicht vor, dieses Abenteuer aufzugeben. Bis 1983 trafen wir uns in Wohnungen, die nicht alle von uns fassen konnten und führten unsere Arbeit so mit viel Eifer und Vergnügen fort. Natürlich tauchten von Zeit zu Zeit, bedingt durch die fehlende Strukturierung, Probleme und Unruhen zwischen den Mitgliedern auf. Doch als 1983 wieder die YAZKO das Angebot machte, in der Zeitschrift SOMUT eine sog. "feministische Seite" einzurichten, schlossen sich zu diesem Zweck nicht nur die Gruppen aus Istanbul, sondern auch neuere Gruppen aus Ankara zusammen. 6 Monate lang wurden unter der verantwortlichen Führung von Sule Torun und Zeynep Avci Aufsätze über Themen wie Abtreibung, sexuelle Belästigung, frauenfeindliche Sprichwsrter, die Bedeutung des 8. März oder Filmkritiken veröffentlicht. Über die "feministische Seite" konnte der Feminismus der Gesellschaft als eine alternative Ideologie vorgestellt werden. Dabei wurden sowohl Anhänger unter den Jugendlichen gewonnen als auch eine starke Opposition unter den Linken und in kemalistischen Kreisen hervorgebracht. Während die Linken die Feministinnen als bürgerlich, degeneriert oder gar als faschistisch beschuldigen, warfen die Kemalistinnen ihnen vor, daß sie die schon erworbenen Frauenrechte in Frage stellten. Für diese war die Frage des Laizismus, die Verbreitung des radikalen Islams und die Bewältigung dieser Probleme zusammen mit progressiven Männern wichtiger als die feministischen Ansichten, die männerfeindlich und gefährlich seien. Die Phase mit der Zeitschrift SOMUT wurde beendet, weil einerseits der Vorstand der YAZKO zu den Ansichten der Linken tendierte und andererseits die feministischen Gruppen nicht in der Lage waren, der allseitigen Kritik wirksam zu begegnen. Wir zogen uns zurück.