Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7

Mit den Lehren, die aus diesem Versuch gezogen wurden, wurde ein zweiter Schritt gewagt und das Unternehmen "KADIN CEVRESI" (Frauenkreis) gegründet. Denn es hatte sich herausgestellt, daß zur Verbreitung von feministischen Ansichten die Unabhängigkeit Voraussetzung war. Ende 1983 haben 13 Teilhaberinnen, mit dem hauptsächlichen Ziel der Publikation, die Firma gegründet. Aber die Ziele des Unternehmens gingen weiter. Gleichzeitig sollten Frauen juristische, medizinische und psychologische Beratungen angeboten und auch ein Frauencafe eröffnet werden. Die verfügbaren finanziellen Mittel ermsglichten jedoch nur die Verwirklichung weniger Ziele.

Nichtsdestotrotz wurden in den Jahren 1984-85 fünf übersetzte feministische Klassiker veröffentlicht und auch ein Bücherklub gegründet. Durch viele der Klubmitglieder wurde die Bewegung verjüngt und verstärkt. 1985 wurden ein Jahr lang Seminare gehalten und wichtige Fragen diskutiert. Doch dadurch, daß die neuen Gruppen vieles nachzuholen hatten und ihren eigenen Arbeiten den Vorrang gaben, wurde die Zusammenarbeit zwischen den neuen und den alten Gruppen erschwert. Schließlich übergaben die Gründerinnen des Unternehmens "KADIN-CEVRESI" ihre Aufgabe jüngeren Frauen, zogen sich zurück und widmeten sich individuellen Arbeiten. Die Frauen, die die "KADIN-CEVRESI" übernahmen, gaben später die Zeitschrift "Feministin" heraus.

Da sich die politischen Verhältnisse geändert hatten, fingen zu dieser Zeit auch die Diskussionen um eine vereinsmäßige Organisation an. Doch dieser Vorschlag stieß vor allem bei denen, die sich an die Organisationen von vor 1980 erinnerten, nicht auf Zustimmung. Das Jahr 1986 zeichnete sich vor allem durch die Bemühungen aus, sich zu etablieren. Während die Diskussionen um die Weiterführung der Meinungsbildungsgruppen, um Vereinsgründung und um die Suche nach neuen Organisationsformen in eine Sackgasse mündeten, unterzeichnete 1985 eine offizielle Delegation der türkischen Regierung die Resolution der Vereinten Nationen zur Beseitigung der Unterdrückung der Frauen. Eine Gruppe von Frauen, die von dieser Resolution wußten, verfaßten eine Erklärung, in dem die Regierung zur Einhaltung der Resolution gerufen wurde und starteten eine Unterschriftenaktion. Ein Komitee, das zu diesem Zweck von feministischen Gruppen aus Ankara und Istanbul gebildet wurde, leitete die Kampagne, die in einem Monat verwirklicht wurde. Am 8. März 1986 konnten 7000 Unterschriften dem Parlament dargereicht werden. Das Gesuch hatten Frauen aus allen Berufen unterschrieben und auch die Presse berichtete ausführlich darüber. Diese Kampagne hat nicht nur gezeigt, daß feministisches Gedankengut auch außerhalb der Gruppen breiten Anklang findet, sondern konnte dadurch auch dem Ziel des Sich-Etablierens dienlich sein. Die Kampagne bereitete zudem den Diskussionen um die Organisationsform ein Ende. Diejenigen, die gegen eine Vereinsgründung waren, hatten eine andere Arbeitsweise erprobt und waren erfolgreich und diejenigen, die für eine Vereinsgründung waren, gründeten den Verein "Ayrimciliga Karsi Kadin Dernegi" (Frauenverein gegen Sexismus), um die Einhaltung die von der Regierung unterzeichnete Resolution zu beaufsichtigen. In Ankara wurde der Verein "Kadin Dayanismasi Dernegi" (Verein der Frauensolidarität) ins Leben gerufen. Es hatte sich herausgestellt, daß mit verschiedenen Strukturen, ohne sich unter einem Dach zu treffen, gearbeitet werden konnte.

1987 wurden zwei Aktionen organisiert, die manche als die Höhepunkte der feministischen Bewegung bezeichnen. Die erste dieser Aktivitäten war die Demonstration gegen Gewalt an Frauen, die am 17. Mai in Istanbul stattfand. Diese Demonstration war nicht nur die erste zugelassene Demonstration seit 1980, sondern auch die erste Aktion in der Frauengeschichte überhaupt, die von den Frauen selbst und für die Durchsetzung eigener Ziele organisiert wurde. Davor hatten die Frauen zwar auch schon an Demonstrationen teilgenommen, aber es waren entweder Demonstrationen von politischen Gruppen oder Arbeiterdemonstrationen am 1. Mai. Diesmal jedoch demonstrierten sie für sich gegen Gewalt; ein Thema worüber alle Bescheid wissen, das aber totgeschwiegen wird. An der Demonstration nahmen ca. 2500 Frauen - aus den Gruppen und aus der Bevölkerung - teil. Ungefähr 500 Männer, die an dem Zug teilnehmen wollten, durften in den hinteren Reihen mitlaufen. Die Demonstration erregte große Aufmerksamkeit in den Medien. Während dieser Kampagne beschlossen sozialistisch-feministische Frauen die Zeitschrift "Kaktus" herauszugeben, die inzwischen alle zwei Monate erscheint. Als durch Berichte von betroffenen Frauen die Ausmaße des Problems "Gewalt in der Familie" ersichtlich wurden, beschlossen die Frauen, eine weitere Kampagne zu starten. So wurde am 4. Oktober 1987 das Kariye (zu deutsch: Cora)-Fest veranstaltet. Denn aus den Berichten der Betroffenen sollte ein Buch herausgegeben werden, doch dazu fehlten die Mittel. Das Fest wurde zu diesem Zweck organisiert und mit den Erlssen, die durch den Verkauf von Büchern und Handarbeiten während des Festes erzielt wurden, konnte das Buch "Bagir! Herkes Duysun" (Schrei! Alle sollen es hören) veröffentlicht werden. Das Fest war das erste Beispiel für Straßenaktionen, die bis dahin in der Türkei unbekannt waren. Der Platz vor dem Coramuseum, der von einer alten Kirche und von osmanischen Häusern mit Gittern vor den Fenstern, beides Symbole der jahrtausendelangen Unterdrückung der Frau, umsäumt wird, diente einen ganzen Tag lang den Menschen, die mit Theateraufführungen, Musik, Kunst und Kindertheater, vor allem mit den Frauen, die von ihren Erfahrungen berichteten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf dieses Thema lenken wollten. Die Kampagne wurde auch in den folgenden Jahren fortgesetzt.