Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli

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Während am 8. März 1988 in Istanbul eine einwöchige Ausstellung zur Verspottung der Geschlechtertrennung im Alltag eröffnet wurde, wurde der Tag der Frauen auch in Ankara mit Festen gefeiert. Der Feminismus war nun keine unterdrückte Bewegung mehr. Die Medien hatten ihre Reaktionen geändert; es wurden in Filmen Szenen aus feministischen Aktionen eingesetzt; ein Teil der Sozialistinnen hatten ihre feindliche Einstellung aufgegeben und übten nur noch konstruktive Kritik und einige Kemalistinnen nannten sich "Feministinnen für Gleichberechtigung". Im Februar ‚89 luden die Feministinnen der Hauptstadt Ankara zu einem Kongreß unter dem Titel "Feministisches Wochenende" ein. Die bis dahin entwickelte und gereifte "feministische These" wurde in einem Papier zusammengefaßt. In diesem Papier wurden Institutionen wie die Familie, die Schule, der Staat und die Religion als Hilfsmittel zur Ausbeutung der Körper, der Arbeit und der Identität der Frauen scharf kritisiert. Des weiteren wurden auf diesem Kongreß von verschiedenen Gruppen geplante Aktivitäten (etwa Kampagnen zu Themen wie sexuelle Belästigung, Frauenforschung, Institutionalisierung) diskutiert; dabei wurde auch beschlossen, ein internes Informationsblatt herauszugeben und die bewährte dezentrale Organisationsform beizubehalten, die jeder Gruppe den nötigen Freiraum für eigene Initiativen bot. Der von den Sozialistinnen und Feministinnen gemeinsam organisierte Marsch am 8. März verlief für die Feministinnen enttäuschend. Die Enttäuschung vergrößerte sich auf dem ersten Frauenkongreß in Istanbul im Mai 1988 und beschleunigte die Trennung zwischen der feministischen und sozialistischen Bewegung.





Die Versuche, die Redefreiheit der Feministinnen während dem Kongreß einzuschränken, führten dazu, daß sich einige der früheren Progressiven mit den Feministinnen solidarisierten und mit ihnen den Kongreß verließen. Später schlossen sich diese Gruppen zusammen, gründeten das "Tünel-Kültürevi" (Kulturhaus in Tünel* ) für Frauen und leiteten die Kampagne gegen sexuelle Belästigung. In diesem Zusammenhang wurden die Aktion "Mor Igne" (Lila Nadel), Besetzungen von Männercafes, die Aktion "Frauen in Schwarz" zur Solidarisierung mit politischen Inhaftierten, die sich im Hungerstreik befanden, Demonstrationen gegen den Paragraphen 438 und schließlich die von 30 Frauen eingeleitete "Scheidungsaktion" durchgeführt. Die Demonstrationen gegen den Paragraphen 438 gehören zu den wenigen Aktionen der feministischen Frauenbewegung, die zu konkreten Ergebnissen führten. Als eine vergewaltigte Frau der Prostitution beschuldigt wurde, wurde von Frauen wegen Verletzung des Gleichheitsprinzip eine Verfassungsklage eingereicht. Dies wurde zwar vom Verfassungsgericht abgelehnt, aber durch öffentliche Proteste auch in der Presse, sah sich das Parlament gezwungen, diesen Paragraphen des Strafgesetzes zu ändern. Die "Scheidungsaktion", die nach Meinung mancher Kreise, ideologisch gesehen den Höhepunkt der feministischen Bewegung markierte, war ein Protest gegen das von der ANAP-Regierung gegründete Institut für Frauenforschung, das die unterdrückende Institution "traditionelle türkische Familie" stärken sollte. Die Scheidungsaktion rief in der Öffentlichkeit naturgemäß wenig Echo hervor und jene, die sich der Aktion anschlossen, unterlagen aus den sich ergebenden individuellen Schwierigkeiten. Die Kampagne gegen sexuelle Belästigung stockte, nach eigenen Aussagen der Aktivistinnen schon in der ersten Phase, in der die sexuelle Belästigung an öffentlich Plätzen angeklagt wurde. Auf die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Vergewaltigung in der Ehe oder Inzest konnte gar nicht erst eingegangen werden. Kurz zuvor wurde auch das "Tünel-Kültürevi" der Frauen geschlossen. 1990 wurden zum einen keine neuen Kampagnen eingeleitet und zum anderen die Herausgabe der Zeitschriften "Kaktus" und "Feministin" unterbrochen. Dies führte dazu, daß sowohl die Presse als auch die feministischen Gruppen selbst vom Ende des Feminismus sprachen. Dabei wurden 1990 wichtige Schritte auf dem Weg zur Institutionalisierung der feministischen Bewegung unternommen. So wurden im April in Istanbul, in einem von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellten Gebäude, eine Bibliothek für die Werke von Frauen und eine Stiftung (Frauenbibliothek und Informationszentrum) gegründet. Das Gebäude entwickelte sich schnell zu einem Ort, in dem Quellen zur Frauengeschichte zusammengetragen und regelmäßig Versammlungen abgehalten wurden.