Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli

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Im Mai hatte die Kampagne gegen Gewalt in der Familie eines ihrer Ziele erreicht und die Stiftung Mor Cati (Lila Dach), zur Einrichtung von Frauenhäusern, wurde gegründet. Da die Verhandlungen der Stiftung mit der Stadtverwaltung nicht wie gewollt fruchteten, wurden die ersten zwei Frauenhäuser nicht von der Stiftung, sondern von der Stadtverwaltung geöffnet. Doch die Häuser wurden in der Öffentlichkeit trotzdem "Mor Cati" genannt. Während einer Unterschriftenaktion zu diesem Thema wurden 25.000 Unterschriften von Frauen gesammelt. Nach kurzer Zeit zeigte sich, daß ein großer Bedarf nach solchen Einrichtungen herrschte und daß diese zwei Häuser nicht ausreichten, den Bedarf zu decken. Nun wurde auch allgemein akzeptiert, daß der Feminismus, der einige Jahre zuvor noch eine Randerscheinung war, mit Recht auf Frauenprobleme hinwies. Forschungsgruppen an den Universitäten beschäftigten sich nun mit Fragen wie Gewalt an Frauen. Im selben Jahr wurde an der Universität Istanbul von der Gruppe "Feministinnen für Gleichberechtigung" (Kemalistinnen) das Institut für angewandte Frauenforschung gegründet. Das Institut versucht politischen Druck auszuüben und die Funktion einer Lobby zu übernehmen.

Schließlich muß noch erwähnt werden, daß die von den Feministinnen geführten Diskussionen auch die politischen Parteien beeinflußt haben, die natürlich an den Stimmen der Wählerinnen interessiert sind. Die SHP (Sozialdemokratische Volkspartei) nahm 1986 den Punkt "Frauenproblematik" in ihr Programm auf; 1989 ergänzte sie ihre Satzung mit einer Quotenregelung und in der derzeitigen Koalitions- regierung ist sie bemüht, ein Frauenministerium durchzusetzen. Dies rief auch die konkurrierenden Parteien auf den Plan: während die DYP (Partei des rechten Weges), durch die Notwendigkeit einer "Wende", ein solch wichtiges Ressort wie die Wirtschaft, der Verantwortung einer Ministerin übergab, bemühte sich die ANAP (Mutterlandspartei) in der Person Semra Özals um die Stimmen der Wählerinnen. Die geringe Anzahl von weiblichen Abgeordneten im Parlament wurde von großen Teilen der feministischen Öffentlichkeit beklagt und eine Änderung erwünscht. Doch die letzten Wahlen brachten hier keine bedeutende Verbesserung, was dazu führte, daß sich Frauengruppen von außerhalb und innerhalb der Parteien zusammenschlossen, um eine gemeinsame Aktionsplattform zu bilden.

Wie wir sehen, hat sich die Bewegung von einer rein feministischen Bewegung weg entwickelt zu einer von Frauen aus verschiedenen Klassen, Schichten und politischen Parteien. Eine weitere Dimension dieser Entwicklung ist die geographische Ausdehnung. Während sich die Bewegung in den frühen achtziger Jahren fast ausschließlich auf Istanbul und Ankara beschränkte, dehnte sie sich in den letzten Jahren auf alle großen Städte Anatoliens und vor allem auf viele kleinere Siedlungszentren in Küstengebieten aus. Zum einen werden die nun schon traditionell gewordenen Feierlichkeiten am 8. März von regionalen Frauengruppen organisiert, zum anderen haben diese Gruppen Eigeninitiative bei regionalen Frauenproblemen entwickelt. Als in der Stadt Ula eine Deutsche von Polizisten abgeführt wurde, weil sie keine Heiratsurkunde vorweisen konnte (sie wohnte mit einem Mann im Hotel), traten die Frauen aus der Stadt in Aktion. Ein weiteres Beispiel ist die spontane Kampagne der Sekretärinnen in Kayseri, nachdem ein Abgeordneter der RP (Wohlfahrtspartei) abfällige Bemerkungen über Sekretärinnen äußerte. Sie führte zu Protesten im gesamten Land.