Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli

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2. BESONDERHEITEN UND PROBLEME DER FRAUENBEWEGUNG

Um die neue Frauenbewegung in der Türkei, die sich in den 80er Jahren entwickelte, bewerten zu können, müssen zum einen die Gesellschaft- struktur der Türkei und zum anderen die Entwicklungsdynamik der Frauenbewegungen weltweit betrachtet werden.

Die Neue Frauenbewegung entwickelte sich in der Türkei, im Gegensatz zu früheren Bewegungen, die gleichzeitig stattfanden, 10-15 Jahre später als in anderen Ländern. Die negativen Auswirkungen dieser Verspätung auf die Bewegung können nicht verleugnet werden. Die Frauenbewegungen in Westeuropa entwickelten sich mehr oder weniger gleichzeitig und Anfang der 70er Jahre in internationaler Solidarität. Die damalige Wirtschaftslage begünstigte die Entwicklungen von Frauenbewegungen in kapitalistischen Demokratien. Die günstigsten Voraussetzungen für deren Entwicklung sind konjunkturelle Aufschwungphasen (wegen Schaffung neuer Arbeitsplätze auch für Frauen) und ein demokratisches Umfeld (in Südeuropa blühten die Bewegungen nach einer Demokratisierung der Länder auf). Zu Zeiten wirtschaftlicher Stagnation oder unter autoritär rechten Regierungen muß sich die Frauenbewegung meist damit begnügen, die erworbenen Rechte und Freiheiten zu verteidigen, statt neue zu erkämpfen. So geschah es auch, daß in den 80er Jahren durch die wirtschaftliche Lage in den USA und in Westeuropa der internationale Zusammenhalt für sich neu entwickelnde Bewegungen fehlte. Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß die Bewegung in der Türkei, in der Phase ihrer Institutionalisierung, zum Teil sehr wirkungsvoll unterstützt wurde.

Zur Gesellschaftsstruktur der Türkei ist zu sagen, daß sie eine der ungeeignetsten ist, um eine starke Frauenbewegung hervorzubringen. Die Türkei ist ein wirtschaftlich wenig entwickeltes Land, das den provinziellen Charakter noch nicht ganz verloren hat. Bei über 20% Arbeitslosigkeit ist die Aussicht auf eine Beschäftigung, die meist als Mittel zur Infragestellung der überlieferten Frauenrolle dient, vor allem in Ballungsgebieten, sehr gering. Die Inflation, die in den 80er Jahren nicht unter 70% fiel, zwang die Frauen, jede Arbeit anzunehmen, die sie fanden, um den Unterhalt der Familie mitfinanzieren zu können; denn die Konkurrenz war groß und die Chancen gering. So mußten sie mit dem Gefundenen zufrieden sein und konnten nicht kritisch den Ungleichheiten am Arbeitsplatz begegnen.

Des weiteren füllt bei einem Vergleich mit westlichen Gesellschaften auf, daß in der Türkei die Strukturen innerhalb der Familie wesentlich fester sind und daß der patriarchalische Charakter sich behauptet. Anders ist es kaum zu verstehen, daß die Paragraphen 152-159, die die Vorherrschaft des Mannes garantieren, selbst von Juristinnen nicht hinterfragt und Frauen als gleichberechtigt angesehen werden.

Andererseits können wir heute mit den Erfahrungen aus 10 Jahren Auseinandersetzung sagen, daß die wichtigste Ideologie, die die Männer aller Klassen und Schichten beeinflußt, die patriarchalische Ideologie ist. Die Vorherrschaft des Mannes wird durch Familie, Religion, Staat, Armee, Bildung und mit Hilfe der Massenmedien unterstützt. Die Solidarität der Männer untereinander ist stark genug, um alle anderen vorhandenen Differenzen zu überbrücken. Und schließlich haben sich in der türkischen Gesellschaft ein politisches und in weiterem Sinne ein demokratisches Bewußtsein noch nicht durchsetzen können. Es gibt kaum Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden und die Chancen des Einzelnen, ein Leben außerhalb seiner Gruppe zu führen, sind sehr gering. So finden sich selbst nach einem Umzug in ein Ballungszentrum die Menschen aus derselben Provinz in einer starken Gruppe zusammen. Am wenigsten demokratisch sind diejenigen linken Gruppierungen, die die bürgerliche Demokratie ablehnen und sich zu einer sozialistischen Demokratie bekennen.