Die Neue Frauenbewegung in der Türkei der 80er Jahre

Prof. Dr. Şirin Tekeli, Istanbul

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Kann das Jahr 1992, in dem der Tag der Frau am 8.März in einer bisher ungesehenen Weise verbreitet, vielseitig und mit großem Aufwand gefeiert wurde (Staatsfeier), ein Wende-Jahr für die Neue Frauenbewegung in der Türkei sein? Der Grund für diese Frage ist, daß innerhalb der feministischen Frauenbewegung im engeren Sinne die Vermutungen laut werden, daß die Bewegung schon teilweise am Auslaufen sei, die Mittel fehlten um aus dieser Lage herauszukommen und daß, obwohl die Bemühungen, die vor etwa 10 Jahren in Istanbul von einer handvoll Frauen ausgingen, dazu führten, die Frauenfrage nun unter neuen Gesichtspunkten zu betrachten, auf der politischen Tagesordnung der heutigen Türkei steht und auch schon von einer Bewegung gesprochen werden kann, die weiterreicht als die "feministische" Frauenbewegung.

Ich möchte in diesem Vortrag als eine Aktivistin, die schon seit Beginn dieser Bewegung mal mehr mal weniger an ihren Aktivitäten teilnahm, zunächst die Entwicklungsphasen der Bewegung zusammenfassen und dann die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hat und die Gründe dafür, zur Sprache bringen.

1. Die Entwicklung der Bewegung

Es war schon immer schwer, die Geschichte in Perioden zu unterteilen. Zwar mag dieses Problem der Historiker für einen kurzen Abschnitt von 10 Jahren unbedeutend erscheinen, aber selbst in einem so kurzen Zeitraum lassen sich voneinander verschiedene Teilabschnitte ausmachen. Gerade das bildet auch ein Thema der heute geführten kritischen Diskussionen unter den Feministinnen. Für die einen sind die Anfänge der Bewegung noch vor diesen letzten 10 Jahren zu suchen; andere nehmen Aktionen, die eine breite Öffentlichkeit erreicht haben, zur Grundlage; manche (die Radikalen und Sozialistinnen) deuten fehlende Aktivitäten als das Ende der Bewegung; für diese Pessimistinnen hat die Bewegung schon in ihren Anfängen ihren Hshepunkt erreicht und danach aufgehört; daraufhin hätten die Assimilationsbemühungen der Kreise außerhalb des feministischen Gedankenkreises wie der Staat, die Kemalistinnen und die politischen Parteien eingesetzt. Ich neige dazu, die Geschichte der Bewegung als eine Entwicklung zu betrachten, die Hshen und Tiefen durchlief, in der die Bewegung von Zeit zu Zeit ihren Charakter veränderte und je breiter sie wurde, zwar ihre rein feministischen Züge verlor, damit aber auch ihre Existenz als eine Randerscheinung aufgab und dadurch neue Stärken dazugewann. In diesem Sinne ist die feministische Frauenbewegung der 80er Jahre nicht aus einem Nichts entstanden, sondern baute auf Erfahrungen auf, die sich in den Jahren davor angesammelt hatten. Yesim Arat bezeichnet in einer Schrift die Feministinnen als "die radikalen Töchter des Kemalismus" und sagt außerdem, daß die Feministinnen, die in den 70ern an den Bewegungen der Linken teilnahmen, sehr viel von dieser Tradition des Aufstandes lernten.(1) Beide Behauptungen sind zum Teil wahr: Die Feministinnen hatten innerhalb der Msglichkeiten, die der Kemalismus geschaffen hatte, ihre Erziehung genossen, Berufe erlangt und ein Bewußtsein von Gleichheit entwickelt. Es war für sie sehr schwer, aus der ideologischen Bestimmung des Kemalismus auszubrechen und ihr Leben sich selbst mit einem neuen Bewußtsein zu betrachten, da der Kemalismus die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann zu schaffen behauptete und daß es in der Türkei keine Frauenprobleme geben würde. Ähnlich hatten sie von den Traditionen der linken Ideologien, speziell von ihren Aufständen gegen Ungerechtigkeit, vieles übernommen. Darum war es für die Feministinnen nicht einfach, Deutungsmuster zu entwickeln, die verschieden waren von den sozialistischen Deutungsmustern der 70er Jahre. So dürfen die verzögernden und verhindernden Faktoren dieser zwei Bereiche - Kemalismus und sozialistische Ideologien - nicht außer acht gelassen werden. Aus diesen Gründen ist es auch notwendig, die Anfänge der Bewegung in den Jahren 1981-1982 zu suchen, weil in diesen Jahren die Bemühungen einsetzten, einen Bruch mit diesen Ideologien herbeizuführen. Der Militärputsch 1980 hat der Demokratie in der Türkei ein Ende bereitet und das politische Leben zum Stillstand gebracht. Unter den Maßnahmen dieser Zeit, in der alle politischen Parteien verboten wurden, litten am meisten die noch nicht organisierten linken Strömungen. In allen Zeiten mit Verboten finden politische Auseinandersetzungen auf Umwegen statt. In diesem Zusammenhang haben Anfang der 80er Jahre Themen wie die Identität der Intellektuellen, die Sexualität und die Frauenfrage an Bedeutung gewonnen.