Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Die verheirateten Frauen, wenn sie auch mit ihren Ehemännern eingereist waren, waren oft von ihnen getrennt in anderen Städten tätig. Sie waren mit allen anderen ausländischen Frauen in Frauenheimen untergebracht, die von den jeweiligen Betrieben speziell für sie eingerichtet worden waren. Sie leisteten hauptsächlich Akkordarbeit unter schweren Bedingungen, ohne sich auf Deutsch verständigen zu können und ohne richtige Orientierungsgrundlagen. Viele hatten zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirtschaftliche Unabhängigkeit errungen. Sie lernten in den kommenden Jahren damit umzugehen, lernten vor allem sich durchzuboxen und sich durchzusetzen. Dabei lernten sie mehr oder weniger die deutsche Sprache, lernten wenn es auch nur die Arbeitskolleginnen waren, deutsche Menschen kennen. Ich würde sagen, obwohl alles für sie besonders hart war, sind sie bezüglich der gesellschaftlichen Integration besser daran gewesen. Sie sind auch die Frauen, bei denen eine strukturelle Änderung, Änderung im Erziehungsverständnis, aber auch eine Veränderung in Richtung zur deutschen Lebensweise stattgefunden hat. Andererseits sind sie diejenigen, die durch jahrelange schwere Arbeit im Beruf und zu Hause körperliche und seelische Schäden erlitten haben. Die Ursachen ihrer Krankheiten führen auf die ersten Jahre zurück, in denen sie getrennt von ihren Kindern gelebt hatten und den Verlust der Geborgenheit, die sie bei ihren (Groß-)Familien bekommen hatten.

In den ersten Migrationsjahren lief die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau bei den türkischen Kleinfamilien, die aus Eheleute mit einem oder mit zwei Kindern bestanden, zwangsläufig fast optimal. Die Eheleute, die zum Teil schichtweise arbeiteten, übernahmen wechselnd die Versorgung der Kinder und des Haushaltes. Heute ist der Ehemann in seine traditionelle Rolle wieder zurückgekehrt, weil inzwischen die Kinder, vor allem die Töchter, großgeworden sind und ihre Väter entlasten. Mittlerweile hat sich auch eine Art der Großfamilienstruktur unter den türkischen Arbeitnehmerfamilien in der BRD entwickelt. Denn die Kernfamilien wuchsen durch neue Familienmitglieder, Schwiegertöchter und -söhne und durch Enkelkinder. Kleine Kinder haben jetzt Großmütter, wenn sie auch nicht unter einem Dach wohnen, die wie es in der Türkei üblich ist, gerne die Aufgabe übernehmen, auf ihre Enkelkinder aufzupassen. Es entwickelt sich auch ein anderes Ursprungsbild, das wir aus der Türkei kennen: immer mehr türkische Männer, ältere, aber auch junge, sitzen in den türkischen Kaffeehäusern, deren Zahl in den letzten 10 Jahren zugenommen hat. Andererseits gibt es auch Großväter, die die Aufgabe der Enkelbetreuung übernommen haben, um ihre berufstätigen Kinder zu entlasten. Viele der ersten Arbeitsemigrantinnen haben heute ihr Rentenalter erreicht. Neben der genannten familiären Bindung mit Großfamiliencharakter, wenn auch oft in unterschiedlichem Haushalt, gibt es für diese Frauen Probleme mit dem Auseinanderfallen der Familie, ihrer Zersplitterung, der Verarmung und schließlich auch der Vereinsamung. Dieses Thema werden wir aber in einem späteren Abschnitt ausführlich behandeln.

Die zweite Gruppe ist die größte der ersten Frauengeneration aus der Türkei. Sie kam ab 1973 in Folge von Familienzusammenführungen nach Deutschland. Das Stichwort "Anwerbestopp" in diesem Jahr war für viele türkische Arbeitnehmer ein Signal, daß bezüglich der Arbeitsaufnahme in Deutschland rechtliche Schwierigkeiten anfingen und ab jetzt nichts mehr einfacher würde. Vor allem erkannten sie, daß sie nicht, wie geplant, kurzfristig zurückkehren könnten. Der einzige Weg, der ihnen offen geblieben war, war der, ihre Ehefrauen bzw. Ehemänner und Kinder in der Form des Familiennachzuges nach Deutschland zu holen. Die Frauen, die nach dem Stichtag vom 30.11.74 in die BRD eingereist sind, waren anders als die ersten Emigrantinnen aus der Türkei vorwiegend aus ländlichen Gebieten. Sie wurden ohne jegliche Vorbereitung in einer fremden Gesellschaft auf die eigenen Beine bezüglich des Haushalts, der Erziehung ihrer Kinder und der Alltagsbewältigung gestellt. Die Sicherheit und der Schutz und die aus der Mutterrolle eventuell gebührende Achtung, die sie bis jetzt aufgrund der Großfamilienstruktur mit ihren festen Sitten und Gebräuchen genossen hatten, wurden rückartig unterbrochen. Viele machten keine Übergangserfahrungen in einer der größeren Städte in der Türkei. Je größer die Unerfahrenheit, desto größer war auch der Kulturschock. Diese Frauen waren in ihrer Mehrzahl Analphabeten und bei ihnen spielten die traditionellen Komponenten eine viel größere Rolle als bei den städtischen Frauen. Da sie als Nachgereiste nach einer neuen Regelung des Ausländergesetzes von 1979 zu einer Arbeitsaufnahme eine Wartezeit benstigten, die zuletzt vier Jahre umfaßte, konnten sie sehr lange kaum Erfahrung mit der hiesigen Arbeitswelt und dem sozialen Umfeld sammeln, kaum die deutsche Sprache lernen und sich nur wenig entwickeln, um so die traditionelle Rollenverteilung in der eigenen Familie eventuell zu durchbrechen.

Die Wartezeitregelung für eine Arbeitsaufnahme von nachgezogenen Familienmitgliedern aus Nicht-EG-Ländern wurde erst durch das neue Ausländergesetz vom 01.01.1991 aufgehoben. Einerseits aufgrund der Voreingenommenheit und der Ablehnung der deutschen Bevölkerung den türkischen Arbeitnehmerfamilien gegenüber, andererseits aber um das gewohnte traditionelle Leben wiederzufinden und ein Gegengewicht mit der für sie fremden Außenwelt zu gewinnen, zogen immer mehr türkische Familien in ghettoartige Wohnviertel. Diese Art vom Wohnen mit den Leuten aus dem gleichen Dorf oder mit Verwandten war für männliche Familienmitglieder auch von Vorteil, um die Kontrolle über weibliche Familienmitglieder zu behalten. Diese Wohnweise versagt den Frauen, insbesondere denjenigen, die nicht berufstätig sind, die Msglichkeit, die deutsche Gesellschaft näher kennenzulernen. Das macht diese Frauen ängstlich und unsicher. Das spiegelt sich besonders bei der Erziehung ihrer Kinder wider. Da sie oft einen anderen Weg nicht kennen, vermitteln sie ihren Kindern, vor allem ihren Töchtern, ihre Angst, ihre Unsicherheit und ihr unselbstständiges Handeln. Sie haben vor allem Angst, daß ihre Familie durch das Verhalten der Töchter in den türkischen Kreisen hier und in der türkischen Gesellschaft in der Türkei Ruf und Ansehen verlieren würde. Dabei stellen sie an sich und an ihren Töchter strenge sittliche Anforderungen, die zum Teil in der Türkei nicht mehr aktuell sind. Solange die Kinder klein waren, war die Entfremdung, die in der Schwierigkeit der sprachlichen Verständigung mit den Kindern lag, weil diese oft Deutsch gesprochen haben und ihr Türkisch nicht über die Alltagssprache hinaus reichte, noch nicht in dem Maße spürbar. Sobald sie älter geworden sind und wenn sie ihre eigenen Wege gehen wollten, wurden familiäre Konflikte schärfer. Durch die politischen und sozialen Entwicklungen im mitteleuropäischen Raum gibt es heute bei diesen Familien eine verstärkte Rückkehr zu traditionellen Elementen. Bei vielen Familien spielt die religiöse und nationale Zugehörigkeit heute eine viel wichtigere Rolle als etwa vor 10 Jahren. Auch bei der jüngeren Generation, die sich wegen ihrer ethnischen Herkunft benachteiligt fühlt, ist diese Tendenz zu merken.

Die religiösen bzw. islamischen Gruppierungen nahmen im Verlauf der Emigrationsjahre zu und die Frauen aus den ländlichen Gebieten der Türkei sind für sie geradezu eine Herausforderung, ihren Einfluß bei ihnen geltend zu machen. Für nichtberufstätige Frauen, die soziale Kontakte suchen und gerne in türkischen Lebensmittelgeschäften einkaufen und Hochzeiten oder ähnliche Feierlichkeiten gerne besuchen, sind religiöse Veranstaltungen wie Koran-Lese-Tage, die oft in privaten Wohnungen veranstaltet werden, ein Anlaß, ihre Alters- und Leidensgenosinnen zu treffen und mit diesen ihre Probleme und Erfahrungen zu besprechen. Nach Erfahrung türkischer Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen trifft derzeit aber oft auch etwas Gegenteiliges zu. Immer mehr Frauen nehmen mit zunehmender Tendenz die Angebote für Freizeitbeschäftigungen, Beratungen und Betreuungen an, die häufig seitens einer deutschen Institution mit türkischen und deutschen Mitarbeiterinnen gemacht werden. Dabei ist vor allem zu beobachten, daß die Frauen anfangs sehr introvertiert sind, im Laufe der Zeit aber gelassener und aufgeschlossener werden. Diese Veranstaltungen finden meistens in der Zeit statt, in der sich die Ehemänner auch außerhalb des Hauses befinden. Die Frauen klagen dabei oft, daß sie noch sfter an solchen Veranstaltungen teilnehmen würden, wenn die Ehemänner es ihnen erlauben würden. Diesbezüglich können wir sagen, daß es zur Zeit zwei entgegengesetzte Tendenz gibt; die zum einen in die traditionell-konservative Richtung weisen, zum anderen aber das Bemühen der Frauen zeigen, unabhängig und selbstständig zu werden, aus ihren vier Wänden heraus zu kommen und dazu alle msglichen Hilfen und Kontakte zu suchen. Als Berufstätige sind türkische Frauen mehrfacher Benachteiligung ausgesetzt. Sie erfahren neben der rechtlichen und sozialen Diskriminierung als Ausländerinnen, als Angehörige eines Nicht-EG-Staates, die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt und in der Arbeitswelt. Der größte Teil von ihnen ist als un- oder angelernte Arbeiterin tätig. Die Zahl der Frauen, die keine berufliche Qualifikation haben, beträgt etwa 136.000. Damit stehen sie im Vergleich zu anderen ausländischen Arbeitnehmerinnen aus Jugoslawien, Italien, und Griechenland an erster Stelle (4). Dementsprechend bekommen sie die Schmutz- und niedrigbezahlte Arbeit. Sie sind hauptsächlich im Dienstleistungsektor als Aushilfe in Küchen oder Kantinen, am Fließband oder häufig in einer Reinigungskolonne tätig. Im Vergleich mit den türkischen männlichen Arbeitnehmer sind sie im Berufsleben unterrepräsentiert. Neben 56 % männlicher türkischer Berufstätiger gibt es nur etwa 26 % (5) weibliche Berufstätige. Sie sind auch die Frauen, die von der Arbeitslosigkeit stark betroffen sind. Die Arbeitslosigkeit unter türkischen Frauen liegt nämlich bei ca. 42 % (6).

Die Berufstätigkeit einer Frau bringt zwangsläufig die Veränderung der Rollenverteilung in der Familie mit sich. Sie bedeutet nämlich u.a. auch wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Viele der berufstätigen türkischen Frauen sind sich dessen bewußt und wollen daraus zu eigenen Gunsten die Vorteile ziehen. Für sie sind Belastungen wie schwierige Arbeit, Kindererziehung und Haushalt keine Gründe ihren Status in der Familie und in der Gesellschaft, den sie dadurch gewonnen haben, zu verlieren. Häufig reagieren die Männer darauf sehr heftig und versuchen dann, ihre Position als Familienoberhaupt mit mehr Druck auf die weiblichen Personen in der Familie wiederzuerlangen. Denn sie empfinden es als Verlust ihrer Autorität und ihrer Position innerhalb der Familie. Andererseits ist die Frau bei einer Arbeitslosigkeit des Mannes oft die einzige Ernährerin der Familie. Es ist auch eine Tatsache, daß die zunehmenden Scheidungsfälle in den letzten Jahren bei den türkischen Familien, vorwiegend in solchen Familien vorkommen, in denen beide Ehepartner berufstätig sind. Ich möchte hier noch hinzufügen, daß die Erfahrungen und Beobachtungen zeigen, daß viele berufstätige türkische Frauen in der Regel besser Deutsch sprechen als ihre Ehemänner und daß sie mit Ämtern und Behörden besser umgehen können als diese.

Summa summarum: die patriarchale Familienstruktur kann zum einen durch die Erwerbstätigkeit der Frau, zum anderen aber auch durch die Ansprüche der Kinder auf Eigenständigkeit aufgebrochen werden, was wohl nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das ist freilich eine "migrationsbedingte" innerfamiliäre Entwicklung der türkischen Familien, die nicht sehr schnell vonstattengeht. Angesichts der langen Arbeitsjahre in der Migration gibt es andererseits eine Reihe von Migrationskrankheiten, wovon die türkischen Frauen besonders betroffen sind. Obwohl die Ausgangslage zwischen berufstätiger und nichtberufstätiger Frau unterschiedlich ist, gibt es keine großen Unterschiede beim Ausbruch dieser Krankheiten. Während bei der einen, nämlich der berufstätigen Frau die doppelte, sogar dreifache Belastung, Arbeit, Haushalt und Umfeld eine wichtige Rolle spielt, sind bei der nichtberufstätigen Frau Isolation, Einsamkeit, Mangel an Anerkennung in der Familie und in der Gesellschaft ausschlaggebend. Es sind im allgemeinen psychosomatische und psychoneurotische Erkrankungen, Depressionen, Migräne, chronische Schmerzzustände. Bei den berufstätigen Frauen kommen wegen schwerer körperlicher Arbeit verschleißbedingte Gelenk- und Rückenerkrankungen. Die meisten dieser Krankheiten können nicht medikamentss behandelt werden. Sie benstigen eine sprachliche Behandlung und intensive Betreuung. "Diese Frauen empfinden ihre Krankheiten als ganzheitliche Einschränkung, können darum ihr Unwohlsein oft nur schwer präzisieren und erleben oft psychisches Leid stärker als körperliches" (7). Dabei nehmen sie kaum die Rehabilitationsmaßnahmen wie Kur oder andere Heilverfahren in Anspruch. Sie befürchten, daß sie dadurch eventuell eine Kürzung bei den Rentenansprüchen hervorrufen würden. Denn bei der gesetzlichen Rentenversicherung können tatsächlich einem, der sich so einen Kurverfahren unterzogen hat, bei der Rückerstattung im Falle einer Rückkehr ins Heimatland die Arbeitnehmerbeiträge gekürzt werden.

An dieser Stelle möchte ich kurz die Situation der Rentnerinnen darstellen. Es ist für unsere Untersuchung besonders wichtig zu wissen, wo diese Frauen heute stehen, welche rechtlichen, materiellen und sozialen Grundlagen für sie bestehen. Ich habe bereits ihre Arbeits- und Lebensumstände in der Migration geschildert, aber noch nicht erläutert, wo diese Frauen ihre Rentenjahre verbringen wollen und wie ihre Altersversorgung in Zukunft aussieht. Nach statistische Angaben vom 1990 lebten im gesamten Bundesgebiet 60.800 Türkinnen in der Altersstufe von 50 bis über 60 Jahre (8). Die meisten dieser Frauen werden aufgrund ihrer niedrigen Lshne und kurzen Arbeitszeiten, da sie wegen der langen Wartezeitregelung viel Zeit versäumt hatten, nur niedrige Renten bekommen, die zum Teil unter dem Existenzminimum liegen werden. Diese Situation wird u.a. auch deshalb so problematisch empfunden, weil viele Rentnerinnen dadurch gezwungen werden, Sozialhilfe zu beziehen. Diese wiederum gefährdet ihren rechtlichen Aufenthalt in der BRD. Denn nach dem Ausländergesetz vom 1991 (Û 10, Abs. 1) kann ein langfristiger Sozialhilfeempfänger ausgewiesen werden. Falls sie in die Türkei zurückkehren würden, würden sie dann noch weniger Rente bekommen. Wie oben erwähnt wurde, im Falle einer Rückkehr ins Heimatland bekommt der ausländische Arbeitnehmer nach der gesetzlichen Rentenversicherung nur den Arbeitnehmeranteil, aber keinen Arbeitgeberanteil. In die Türkei zurückkehren wollen viele türkische Frauen auch im Alter nicht. Sie haben in Deutschland ihre Kinder und Enkelkinder, sie wollen, was sie in jungen Jahren durchgemacht haben, nicht nochmals durchmachen, nämlich getrennt von ihren Kindern leben. Bei den meisten fand eine Entfremdung der Türkei gegebenüber statt, da sie eventuell dort auch keine Verwandte oder Freunde mehr haben, sehen sie keinen Anlaß zurückzukehren. Als ein sehr wichtiger Grund für das Hierbleiben wird die gute medizinische Versorgung in Deutschland genannt. Für die Lssung der bestehenden und kommenden Probleme der ausländischen Rentnerinnen wurden von der offiziellen Seite bisher keine Maßnahmen unternommen. Es fehlen für sie noch Pflegeheime, Altersheime und es gibt nicht genügend Betreuungs- und Beratungsstellen oder auch Einrichtungen für ihre Freizeit.

Ein sehr wichtiger Untersuchungsbereich ist die Situation der 2. und 3. Ausländergeneration. Obwohl diese nicht wie ihre Eltern zur Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses in die BRD eingereist sind, haben sie eine sehr enge und unmittelbare Beziehung dazu. Die Frage der Emigration kann ohne Berücksichtigung der Kindergeneration absolut nicht untersucht werden. Dieses Thema verdient aber allein wegen der Komplexität ihrer Situation separat behandelt zu werden. Ich werde hier eine kurze Zusammenfassung der allgemeinen Lage der Kinder bzw. der Mädchen machen. Zur Zeit leben rund 330.000 weibliche türkische Kinder von 0 bis 21 Jahren (9) im gesamten bundesdeutschen Gebiet. Etwa 70 % der gesamten ausländischen weiblichen sowie männlichen Kinder wurden in der BRD geboren. Obwohl ein allgemeiner Geburtenrückgang bei ausländischen Frauen, auch bei türkischen Frauen, festzustellen ist, nehmen türkische Frauen mit einer Durchschnittszahl von 4 Kindern den Platz an erster Stelle ein. (10) Nach Angaben des Statistischen Bundesamt vom 1990 haben in selbem Jahr 43.921 von Lebendgeborenen 79.106 ausländischen Kindern türkische Eltern (11). Ihren Kindern fehlen Kindergärten, Krippen und ähnliche Einrichtungen. Später, zum Teil durch ihre Überforderung in Sachen Schule, wo sie ihren Kindern nicht helfen können, zum größten Teil aber auch durch eine falsche offizielle Bildungspolitik ist die Erfolgslosigkeit der Kinder in der Schule und in der Gesellschaft vorprogrammiert. Doch zunächst möchte ich positive Aspekte bei türkischen Mädchen und jungen Frauen aufweisen. Während die erste Frauengeneration meistens aus einer wirtschaftlicher Notsituation gearbeitet hat, haben die türkische Mädchen ein steigendes Interesse an der schulischen und beruflichen Ausbildung. Sie hoffen, daß sie sich damit vom Elternhaus loslssen können und später in ihrer Ehe vom Ehemann nicht in dem Maße wie ihre Mütter es waren abhängig werden. Die Mädchen akzeptieren auch ihre Benachteiligung in familiären und sozialen Bereich nicht länger. Sie wehren sich dagegen, in dem sie sich um einen schulischen Abschluß oder eine berufliche Ausbildung bemühen. Heute studieren ca. 12.000 türkische Studenten an den deutschen Hochschulen. Davon sind nur etwa 700 Studentinnen und Studenten zwecks des Studiums aus der Türkei eingereist. Die übrigen sind Kinder der türkischen Arbeitnehmerfamilien (12). Davon wiederum sind mindestens die Hälfte türkische Mädchen. Viele von den Studentinnen versuchen, in einer Stadt zu studieren, wo ihre Eltern nicht leben und fast alle möchten nicht mehr ins Elternhaus zurückzugehen.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, wie die, daß sie ihren Müttern beim Haushalt helfen, auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen und Gäste bewirten müssen und daß sie wenig Zeit und Raum zum Lernen haben, sind sie in der Schule im Durchschnitt besser als männliche türkische Jugendliche. Ihre Schwierigkeiten beginnen vor allem mit dem Erwachsenwerden. Von da an werden sie nämlich strenger behütet und in ihrer Freiheit noch mehr eingeengt. Sie können sich aber von den traditionellen Normen loslssen, wenn sie den beruflichen und sozialen Aufstieg errungen haben. Gerade dieses empfinden ihre Eltern als Gefahr für den Bestand ihrer Familie und als Entfremdung der Kinder vom eigenen Wertsystem. Sie wehren sich dagegen mit ihren eigenen Mitteln, in dem sie versuchen, auf die Töchter mehr Druck ausüben als sie es in der Türkei getan hätten. Die Mädchen erfahren dabei nicht nur einen familiären Druck, sondern auch einen sozialen und moralischen Druck bzw. eine Kontrolle seitens der näheren und ferneren Verwandten, Bekannten und Nachbarn und sogar seitens fremder Männer der Wohnblocks. Diese Art der Kontrollmechanismen symbolisiert natürlich die Doppelmoral. Häufig können sie die daraus entstehenden Konfliktsituationen nicht richtig bewältigen. Als einzigen Ausweg sehen sie dann oft das Verlassen des Elternhauses. Es ist zu beobachten, daß immer häufiger und immer mehr Mädchen einen Ausstieg aus der Familie versuchen. Neben familiären Konflikten wie Zwangsverheiratung oder in die Türkei zurückgeschickt zu werden, spielen ferner die Außenbedingungen wie Erfolgslosigkeit in der Schule, keine Lehrstelle haben, Arbeitslosigkeit und Durchbrennen mit einem Mann dabei eine wichtige Rolle. Zwar wollen türkische Mädchen etwas mehr Freiheit und Selbständigkeit, aber dafür selten ganz auf die Familie verzichten. Sie haben in der Regel eine erziehungsbedingte emotionale Bindung an ihre Familien und sie verstehen oft die Lage der Eltern als Ausländer und Arbeitnehmer in einem fremden Land ganz gut. Dieser Zwiespalt ruft bei diesen Mädchen im allgemeinen typische Migrationsprobleme hervor wie Identitätskrise, Verwirrung über die kulturelle Zugehörigkeit. Oft orientieren sie sich an einer Freiheitsvorstellung, die sie von ihrer Erziehung her überhaupt nicht verwirklichen können. Sie nehmen dabei deutsche Mädchen zum Beispiel, wobei sie ihre Freiheitsideale bei diesen verwirklicht zu sehen meinen. Meistens entdecken sie ihre bittere Ohnmacht, ohne finanzielle und soziale Sicherheit auf eigenen Beinen stehen zu müssen, sehr bald. Das ist u.a. auch ein Grund, weshalb türkische Mädchen nach kurzem Aufenthalt in einem Mädchenheim wieder zum Elternhaus zurückkehren. Die Eltern verstehen und tolerieren dagegen bis zu einem gewissen Grad die Ansprüche auf Eigenständigkeit ihrer Töchter. Sie haben nur zuviel Sorge um die Ehre der Familie, um die Ablehnung von und Isolierung in den eigenen sozialen Kreisen hier und eventuell auch in der Türkei.

Aus dieser Sorge heraus versuchen sie, ihre Töchter früh zu verheiraten. Diese fast traditionelle Handlung fungiert wiederum als Verschärfung der Familienkonflikte. Die Mädchen äußern sich nicht grundsätzlich gegen eine Familiengründung. Sie kommt sogar bei ihnen an erster Stelle. Bei ihnen kommt es darauf an, ob sie ihren Heiratskandidaten selbst ausgesucht haben oder nicht. In diesem Punkt sind die männlichen türkischen Jugendlichen auch mit den türkischen Mädchen einer Meinung, daß sie ihre künftigen Ehefrauen bzw. Ehemänner selber wählen sollten. Oft willigen die Mädchen in eine Heirat ein, um die Konflikte zu vermeiden. Das ist ein anderer Weg, legitim das Elternhaus zu verlassen. Leider hat sich das oft nicht als sehr guter Weg erwiesen, denn bei der 2. und 3. Frauengeneration sind die Scheidungsfälle besonders hoch.

Fazit: Alle türkischen Frauengeneration in der Migration haben eine Veränderung vollzogen. Sie sind nicht mehr die Frauen, die sie einst in der Türkei waren, aber sie konnten weder, noch wollten sie sich die Eigenschaften deutscher Frauen in der deutschen Kultur aneignen. Die Veränderung ist bei der 2. und 3. Generation, die die Türkei zum Teil nur vom Urlaub kennt, deren Sprache nur halb beherrscht und deren Kulturelemente nur von hiesigen türkischen Kreisen halbwegs kennt, noch stärker. Es ist überhaupt eine Generationsfrage, daß sie sich in der BRD noch nicht heimisch fühlen. Eine absolute Assimilation wäre bei ihnen auch nicht msglich, weil sie zum Teil bewußt, zum Teil aber auch unbewußt, manche Elemente der deutschen Kultur wie der türkischen, ablehnen, andere annehmen.

Anmerkungen:

(1) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(2) Repräsentativuntersuchung Ç72, Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer, Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg, 1976, S. 20

(3) Kemiksiz, N. Nese, Yurtdisina Isci Gscü ve Bu Olgunun Dönen Iscilerin Siyasal Tutum ve Davranislari Üzerindeki Etkisi, Ankara 1989, S. 57f

(4) Aspekte der Ausländerbeschäftigung in der BRD, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Hrsg. von E. Hönekopp, Nürnberg, 1987, S. 38

(5) ebenda

(6) ebenda

(7) Hearing zur Situation ausländischer Frauen und Mädchen aus den Anwerbestaaten, Dokumentation Teil 1, Bonn 1989, S.1

(8) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(9) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(10) Soziale Situation ausländischer Mädchen und Frauen in NRW, Dokumente und Berichte 4, Hrsg. v. der Parlamentarischen Staatssekretärin für die Gleichstellung v. Frau und Mann, Düsseldorf 1987, S.140

(11) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(12) Kadioglu, Süheyla, Zur Situation und Entwicklung türkischer Jugendlicher in der BRD unter Einbezug der Ausländergesetzgebung; in: Dokumentation; Fachkonferenz deutsch-türkischer Jugendaustausch, 1992, Weinheim.