Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Die Wartezeitregelung für eine Arbeitsaufnahme von nachgezogenen Familienmitgliedern aus Nicht-EG-Ländern wurde erst durch das neue Ausländergesetz vom 01.01.1991 aufgehoben. Einerseits aufgrund der Voreingenommenheit und der Ablehnung der deutschen Bevölkerung den türkischen Arbeitnehmerfamilien gegenüber, andererseits aber um das gewohnte traditionelle Leben wiederzufinden und ein Gegengewicht mit der für sie fremden Außenwelt zu gewinnen, zogen immer mehr türkische Familien in ghettoartige Wohnviertel. Diese Art vom Wohnen mit den Leuten aus dem gleichen Dorf oder mit Verwandten war für männliche Familienmitglieder auch von Vorteil, um die Kontrolle über weibliche Familienmitglieder zu behalten. Diese Wohnweise versagt den Frauen, insbesondere denjenigen, die nicht berufstätig sind, die Msglichkeit, die deutsche Gesellschaft näher kennenzulernen. Das macht diese Frauen ängstlich und unsicher. Das spiegelt sich besonders bei der Erziehung ihrer Kinder wider. Da sie oft einen anderen Weg nicht kennen, vermitteln sie ihren Kindern, vor allem ihren Töchtern, ihre Angst, ihre Unsicherheit und ihr unselbstständiges Handeln. Sie haben vor allem Angst, daß ihre Familie durch das Verhalten der Töchter in den türkischen Kreisen hier und in der türkischen Gesellschaft in der Türkei Ruf und Ansehen verlieren würde. Dabei stellen sie an sich und an ihren Töchter strenge sittliche Anforderungen, die zum Teil in der Türkei nicht mehr aktuell sind. Solange die Kinder klein waren, war die Entfremdung, die in der Schwierigkeit der sprachlichen Verständigung mit den Kindern lag, weil diese oft Deutsch gesprochen haben und ihr Türkisch nicht über die Alltagssprache hinaus reichte, noch nicht in dem Maße spürbar. Sobald sie älter geworden sind und wenn sie ihre eigenen Wege gehen wollten, wurden familiäre Konflikte schärfer. Durch die politischen und sozialen Entwicklungen im mitteleuropäischen Raum gibt es heute bei diesen Familien eine verstärkte Rückkehr zu traditionellen Elementen. Bei vielen Familien spielt die religiöse und nationale Zugehörigkeit heute eine viel wichtigere Rolle als etwa vor 10 Jahren. Auch bei der jüngeren Generation, die sich wegen ihrer ethnischen Herkunft benachteiligt fühlt, ist diese Tendenz zu merken.

Die religiösen bzw. islamischen Gruppierungen nahmen im Verlauf der Emigrationsjahre zu und die Frauen aus den ländlichen Gebieten der Türkei sind für sie geradezu eine Herausforderung, ihren Einfluß bei ihnen geltend zu machen. Für nichtberufstätige Frauen, die soziale Kontakte suchen und gerne in türkischen Lebensmittelgeschäften einkaufen und Hochzeiten oder ähnliche Feierlichkeiten gerne besuchen, sind religiöse Veranstaltungen wie Koran-Lese-Tage, die oft in privaten Wohnungen veranstaltet werden, ein Anlaß, ihre Alters- und Leidensgenosinnen zu treffen und mit diesen ihre Probleme und Erfahrungen zu besprechen. Nach Erfahrung türkischer Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen trifft derzeit aber oft auch etwas Gegenteiliges zu. Immer mehr Frauen nehmen mit zunehmender Tendenz die Angebote für Freizeitbeschäftigungen, Beratungen und Betreuungen an, die häufig seitens einer deutschen Institution mit türkischen und deutschen Mitarbeiterinnen gemacht werden. Dabei ist vor allem zu beobachten, daß die Frauen anfangs sehr introvertiert sind, im Laufe der Zeit aber gelassener und aufgeschlossener werden. Diese Veranstaltungen finden meistens in der Zeit statt, in der sich die Ehemänner auch außerhalb des Hauses befinden. Die Frauen klagen dabei oft, daß sie noch sfter an solchen Veranstaltungen teilnehmen würden, wenn die Ehemänner es ihnen erlauben würden. Diesbezüglich können wir sagen, daß es zur Zeit zwei entgegengesetzte Tendenz gibt; die zum einen in die traditionell-konservative Richtung weisen, zum anderen aber das Bemühen der Frauen zeigen, unabhängig und selbstständig zu werden, aus ihren vier Wänden heraus zu kommen und dazu alle msglichen Hilfen und Kontakte zu suchen. Als Berufstätige sind türkische Frauen mehrfacher Benachteiligung ausgesetzt. Sie erfahren neben der rechtlichen und sozialen Diskriminierung als Ausländerinnen, als Angehörige eines Nicht-EG-Staates, die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt und in der Arbeitswelt. Der größte Teil von ihnen ist als un- oder angelernte Arbeiterin tätig. Die Zahl der Frauen, die keine berufliche Qualifikation haben, beträgt etwa 136.000. Damit stehen sie im Vergleich zu anderen ausländischen Arbeitnehmerinnen aus Jugoslawien, Italien, und Griechenland an erster Stelle (4). Dementsprechend bekommen sie die Schmutz- und niedrigbezahlte Arbeit. Sie sind hauptsächlich im Dienstleistungsektor als Aushilfe in Küchen oder Kantinen, am Fließband oder häufig in einer Reinigungskolonne tätig. Im Vergleich mit den türkischen männlichen Arbeitnehmer sind sie im Berufsleben unterrepräsentiert. Neben 56 % männlicher türkischer Berufstätiger gibt es nur etwa 26 % (5) weibliche Berufstätige. Sie sind auch die Frauen, die von der Arbeitslosigkeit stark betroffen sind. Die Arbeitslosigkeit unter türkischen Frauen liegt nämlich bei ca. 42 % (6).