Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Die Berufstätigkeit einer Frau bringt zwangsläufig die Veränderung der Rollenverteilung in der Familie mit sich. Sie bedeutet nämlich u.a. auch wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Viele der berufstätigen türkischen Frauen sind sich dessen bewußt und wollen daraus zu eigenen Gunsten die Vorteile ziehen. Für sie sind Belastungen wie schwierige Arbeit, Kindererziehung und Haushalt keine Gründe ihren Status in der Familie und in der Gesellschaft, den sie dadurch gewonnen haben, zu verlieren. Häufig reagieren die Männer darauf sehr heftig und versuchen dann, ihre Position als Familienoberhaupt mit mehr Druck auf die weiblichen Personen in der Familie wiederzuerlangen. Denn sie empfinden es als Verlust ihrer Autorität und ihrer Position innerhalb der Familie. Andererseits ist die Frau bei einer Arbeitslosigkeit des Mannes oft die einzige Ernährerin der Familie. Es ist auch eine Tatsache, daß die zunehmenden Scheidungsfälle in den letzten Jahren bei den türkischen Familien, vorwiegend in solchen Familien vorkommen, in denen beide Ehepartner berufstätig sind. Ich möchte hier noch hinzufügen, daß die Erfahrungen und Beobachtungen zeigen, daß viele berufstätige türkische Frauen in der Regel besser Deutsch sprechen als ihre Ehemänner und daß sie mit Ämtern und Behörden besser umgehen können als diese.

Summa summarum: die patriarchale Familienstruktur kann zum einen durch die Erwerbstätigkeit der Frau, zum anderen aber auch durch die Ansprüche der Kinder auf Eigenständigkeit aufgebrochen werden, was wohl nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das ist freilich eine "migrationsbedingte" innerfamiliäre Entwicklung der türkischen Familien, die nicht sehr schnell vonstattengeht. Angesichts der langen Arbeitsjahre in der Migration gibt es andererseits eine Reihe von Migrationskrankheiten, wovon die türkischen Frauen besonders betroffen sind. Obwohl die Ausgangslage zwischen berufstätiger und nichtberufstätiger Frau unterschiedlich ist, gibt es keine großen Unterschiede beim Ausbruch dieser Krankheiten. Während bei der einen, nämlich der berufstätigen Frau die doppelte, sogar dreifache Belastung, Arbeit, Haushalt und Umfeld eine wichtige Rolle spielt, sind bei der nichtberufstätigen Frau Isolation, Einsamkeit, Mangel an Anerkennung in der Familie und in der Gesellschaft ausschlaggebend. Es sind im allgemeinen psychosomatische und psychoneurotische Erkrankungen, Depressionen, Migräne, chronische Schmerzzustände. Bei den berufstätigen Frauen kommen wegen schwerer körperlicher Arbeit verschleißbedingte Gelenk- und Rückenerkrankungen. Die meisten dieser Krankheiten können nicht medikamentss behandelt werden. Sie benstigen eine sprachliche Behandlung und intensive Betreuung. "Diese Frauen empfinden ihre Krankheiten als ganzheitliche Einschränkung, können darum ihr Unwohlsein oft nur schwer präzisieren und erleben oft psychisches Leid stärker als körperliches" (7). Dabei nehmen sie kaum die Rehabilitationsmaßnahmen wie Kur oder andere Heilverfahren in Anspruch. Sie befürchten, daß sie dadurch eventuell eine Kürzung bei den Rentenansprüchen hervorrufen würden. Denn bei der gesetzlichen Rentenversicherung können tatsächlich einem, der sich so einen Kurverfahren unterzogen hat, bei der Rückerstattung im Falle einer Rückkehr ins Heimatland die Arbeitnehmerbeiträge gekürzt werden.

An dieser Stelle möchte ich kurz die Situation der Rentnerinnen darstellen. Es ist für unsere Untersuchung besonders wichtig zu wissen, wo diese Frauen heute stehen, welche rechtlichen, materiellen und sozialen Grundlagen für sie bestehen. Ich habe bereits ihre Arbeits- und Lebensumstände in der Migration geschildert, aber noch nicht erläutert, wo diese Frauen ihre Rentenjahre verbringen wollen und wie ihre Altersversorgung in Zukunft aussieht. Nach statistische Angaben vom 1990 lebten im gesamten Bundesgebiet 60.800 Türkinnen in der Altersstufe von 50 bis über 60 Jahre (8). Die meisten dieser Frauen werden aufgrund ihrer niedrigen Lshne und kurzen Arbeitszeiten, da sie wegen der langen Wartezeitregelung viel Zeit versäumt hatten, nur niedrige Renten bekommen, die zum Teil unter dem Existenzminimum liegen werden. Diese Situation wird u.a. auch deshalb so problematisch empfunden, weil viele Rentnerinnen dadurch gezwungen werden, Sozialhilfe zu beziehen. Diese wiederum gefährdet ihren rechtlichen Aufenthalt in der BRD. Denn nach dem Ausländergesetz vom 1991 (Û 10, Abs. 1) kann ein langfristiger Sozialhilfeempfänger ausgewiesen werden. Falls sie in die Türkei zurückkehren würden, würden sie dann noch weniger Rente bekommen. Wie oben erwähnt wurde, im Falle einer Rückkehr ins Heimatland bekommt der ausländische Arbeitnehmer nach der gesetzlichen Rentenversicherung nur den Arbeitnehmeranteil, aber keinen Arbeitgeberanteil. In die Türkei zurückkehren wollen viele türkische Frauen auch im Alter nicht. Sie haben in Deutschland ihre Kinder und Enkelkinder, sie wollen, was sie in jungen Jahren durchgemacht haben, nicht nochmals durchmachen, nämlich getrennt von ihren Kindern leben. Bei den meisten fand eine Entfremdung der Türkei gegebenüber statt, da sie eventuell dort auch keine Verwandte oder Freunde mehr haben, sehen sie keinen Anlaß zurückzukehren. Als ein sehr wichtiger Grund für das Hierbleiben wird die gute medizinische Versorgung in Deutschland genannt. Für die Lssung der bestehenden und kommenden Probleme der ausländischen Rentnerinnen wurden von der offiziellen Seite bisher keine Maßnahmen unternommen. Es fehlen für sie noch Pflegeheime, Altersheime und es gibt nicht genügend Betreuungs- und Beratungsstellen oder auch Einrichtungen für ihre Freizeit.