Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Ein sehr wichtiger Untersuchungsbereich ist die Situation der 2. und 3. Ausländergeneration. Obwohl diese nicht wie ihre Eltern zur Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses in die BRD eingereist sind, haben sie eine sehr enge und unmittelbare Beziehung dazu. Die Frage der Emigration kann ohne Berücksichtigung der Kindergeneration absolut nicht untersucht werden. Dieses Thema verdient aber allein wegen der Komplexität ihrer Situation separat behandelt zu werden. Ich werde hier eine kurze Zusammenfassung der allgemeinen Lage der Kinder bzw. der Mädchen machen. Zur Zeit leben rund 330.000 weibliche türkische Kinder von 0 bis 21 Jahren (9) im gesamten bundesdeutschen Gebiet. Etwa 70 % der gesamten ausländischen weiblichen sowie männlichen Kinder wurden in der BRD geboren. Obwohl ein allgemeiner Geburtenrückgang bei ausländischen Frauen, auch bei türkischen Frauen, festzustellen ist, nehmen türkische Frauen mit einer Durchschnittszahl von 4 Kindern den Platz an erster Stelle ein. (10) Nach Angaben des Statistischen Bundesamt vom 1990 haben in selbem Jahr 43.921 von Lebendgeborenen 79.106 ausländischen Kindern türkische Eltern (11). Ihren Kindern fehlen Kindergärten, Krippen und ähnliche Einrichtungen. Später, zum Teil durch ihre Überforderung in Sachen Schule, wo sie ihren Kindern nicht helfen können, zum größten Teil aber auch durch eine falsche offizielle Bildungspolitik ist die Erfolgslosigkeit der Kinder in der Schule und in der Gesellschaft vorprogrammiert. Doch zunächst möchte ich positive Aspekte bei türkischen Mädchen und jungen Frauen aufweisen. Während die erste Frauengeneration meistens aus einer wirtschaftlicher Notsituation gearbeitet hat, haben die türkische Mädchen ein steigendes Interesse an der schulischen und beruflichen Ausbildung. Sie hoffen, daß sie sich damit vom Elternhaus loslssen können und später in ihrer Ehe vom Ehemann nicht in dem Maße wie ihre Mütter es waren abhängig werden. Die Mädchen akzeptieren auch ihre Benachteiligung in familiären und sozialen Bereich nicht länger. Sie wehren sich dagegen, in dem sie sich um einen schulischen Abschluß oder eine berufliche Ausbildung bemühen. Heute studieren ca. 12.000 türkische Studenten an den deutschen Hochschulen. Davon sind nur etwa 700 Studentinnen und Studenten zwecks des Studiums aus der Türkei eingereist. Die übrigen sind Kinder der türkischen Arbeitnehmerfamilien (12). Davon wiederum sind mindestens die Hälfte türkische Mädchen. Viele von den Studentinnen versuchen, in einer Stadt zu studieren, wo ihre Eltern nicht leben und fast alle möchten nicht mehr ins Elternhaus zurückzugehen.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, wie die, daß sie ihren Müttern beim Haushalt helfen, auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen und Gäste bewirten müssen und daß sie wenig Zeit und Raum zum Lernen haben, sind sie in der Schule im Durchschnitt besser als männliche türkische Jugendliche. Ihre Schwierigkeiten beginnen vor allem mit dem Erwachsenwerden. Von da an werden sie nämlich strenger behütet und in ihrer Freiheit noch mehr eingeengt. Sie können sich aber von den traditionellen Normen loslösen, wenn sie den beruflichen und sozialen Aufstieg errungen haben. Gerade dieses empfinden ihre Eltern als Gefahr für den Bestand ihrer Familie und als Entfremdung der Kinder vom eigenen Wertsystem. Sie wehren sich dagegen mit ihren eigenen Mitteln, in dem sie versuchen, auf die Töchter mehr Druck ausüben als sie es in der Türkei getan hätten. Die Mädchen erfahren dabei nicht nur einen familiären Druck, sondern auch einen sozialen und moralischen Druck bzw. eine Kontrolle seitens der näheren und ferneren Verwandten, Bekannten und Nachbarn und sogar seitens fremder Männer der Wohnblocks. Diese Art der Kontrollmechanismen symbolisiert natürlich die Doppelmoral. Häufig können sie die daraus entstehenden Konfliktsituationen nicht richtig bewältigen. Als einzigen Ausweg sehen sie dann oft das Verlassen des Elternhauses.