Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Es ist zu beobachten, daß immer häufiger und immer mehr Mädchen einen Ausstieg aus der Familie versuchen. Neben familiären Konflikten wie Zwangsverheiratung oder in die Türkei zurückgeschickt zu werden, spielen ferner die Außenbedingungen wie Erfolgslosigkeit in der Schule, keine Lehrstelle haben, Arbeitslosigkeit und Durchbrennen mit einem Mann dabei eine wichtige Rolle. Zwar wollen türkische Mädchen etwas mehr Freiheit und Selbständigkeit, aber dafür selten ganz auf die Familie verzichten. Sie haben in der Regel eine erziehungsbedingte emotionale Bindung an ihre Familien und sie verstehen oft die Lage der Eltern als Ausländer und Arbeitnehmer in einem fremden Land ganz gut. Dieser Zwiespalt ruft bei diesen Mädchen im allgemeinen typische Migrationsprobleme hervor wie Identitätskrise, Verwirrung über die kulturelle Zugehörigkeit. Oft orientieren sie sich an einer Freiheitsvorstellung, die sie von ihrer Erziehung her überhaupt nicht verwirklichen können. Sie nehmen dabei deutsche Mädchen zum Beispiel, wobei sie ihre Freiheitsideale bei diesen verwirklicht zu sehen meinen. Meistens entdecken sie ihre bittere Ohnmacht, ohne finanzielle und soziale Sicherheit auf eigenen Beinen stehen zu müssen, sehr bald. Das ist u.a. auch ein Grund, weshalb türkische Mädchen nach kurzem Aufenthalt in einem Mädchenheim wieder zum Elternhaus zurückkehren. Die Eltern verstehen und tolerieren dagegen bis zu einem gewissen Grad die Ansprüche auf Eigenständigkeit ihrer Töchter. Sie haben nur zuviel Sorge um die Ehre der Familie, um die Ablehnung von und Isolierung in den eigenen sozialen Kreisen hier und eventuell auch in der Türkei.

Aus dieser Sorge heraus versuchen sie, ihre Töchter früh zu verheiraten. Diese fast traditionelle Handlung fungiert wiederum als Verschärfung der Familienkonflikte. Die Mädchen äußern sich nicht grundsätzlich gegen eine Familiengründung. Sie kommt sogar bei ihnen an erster Stelle. Bei ihnen kommt es darauf an, ob sie ihren Heiratskandidaten selbst ausgesucht haben oder nicht. In diesem Punkt sind die männlichen türkischen Jugendlichen auch mit den türkischen Mädchen einer Meinung, daß sie ihre künftigen Ehefrauen bzw. Ehemänner selber wählen sollten. Oft willigen die Mädchen in eine Heirat ein, um die Konflikte zu vermeiden. Das ist ein anderer Weg, legitim das Elternhaus zu verlassen. Leider hat sich das oft nicht als sehr guter Weg erwiesen, denn bei der 2. und 3. Frauengeneration sind die Scheidungsfälle besonders hoch.

Fazit: Alle türkischen Frauengeneration in der Migration haben eine Veränderung vollzogen. Sie sind nicht mehr die Frauen, die sie einst in der Türkei waren, aber sie konnten weder, noch wollten sie sich die Eigenschaften deutscher Frauen in der deutschen Kultur aneignen. Die Veränderung ist bei der 2. und 3. Generation, die die Türkei zum Teil nur vom Urlaub kennt, deren Sprache nur halb beherrscht und deren Kulturelemente nur von hiesigen türkischen Kreisen halbwegs kennt, noch stärker. Es ist überhaupt eine Generationsfrage, daß sie sich in der BRD noch nicht heimisch fühlen. Eine absolute Assimilation wäre bei ihnen auch nicht msglich, weil sie zum Teil bewußt, zum Teil aber auch unbewußt, manche Elemente der deutschen Kultur wie der türkischen, ablehnen, andere annehmen.

Anmerkungen:

(1) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(2) Repräsentativuntersuchung Ç72, Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer, Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg, 1976, S. 20

(3) Kemiksiz, N. Nese, Yurtdisina Isci Göcü ve Bu Olgunun Dönen Iscilerin Siyasal Tutum ve Davranislari Üzerindeki Etkisi, Ankara 1989, S. 57f

(4) Aspekte der Ausländerbeschäftigung in der BRD, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung,
Hrsg. von E. Hönekopp, Nürnberg, 1987, S. 38

(5) ebenda

(6) ebenda

(7) Hearing zur Situation ausländischer Frauen und Mädchen aus den Anwerbestaaten, Dokumentation Teil 1, Bonn 1989, S.1

(8) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(9) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(10) Soziale Situation ausländischer Mädchen und Frauen in NRW, Dokumente und Berichte 4,
Hrsg. v. der Parlamentarischen Staatssekretärin für die Gleichstellung v. Frau und Mann, Düsseldorf 1987, S.140

(11) Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Stand 30.09.1990

(12) Kadioglu, Süheyla, Zur Situation und Entwicklung türkischer Jugendlicher in der BRD unter Einbezug der Ausländergesetzgebung;
in: Dokumentation; Fachkonferenz deutsch-türkischer Jugendaustausch, 1992, Weinheim.