Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7

DISKUSSION:

eine türkische Frau: Sie haben von einer Zwangsverheiratung geredet. Stellen Sie sich mal vor, das ist keine Zwangsverheiratung, sondern das ist eine Zwangsvergewaltigung auf Lebensdauer. Das ist nicht traditionell bedingt, wie die Behörden es abtun und das Schulamt schweigt, daß elternliche Gewalt ist bei 18 Jahre. Die türkischen Eltern machen es ganz raffiniert. Sie bringen ihre Töchter in die Türkei, das ist bei uns Türken bekannt und es muß aber auch hier zur Sprache kommen und in der Türkei werden dann türkische Mädchen plötzlich von einen wildfremden Mann aufgewächt. Wie können wir uns konkret als mitfühlende, mitleidende Demokraten dagegen etwas in diesem Forum Gedanken machen? Das ist kein harmloses Thema. Die Behörden schweigen und die deutsche Gerichtsbarkeit gibt den türkischen Eltern die Erziehungsgewalt in die Hand. Da plädiere ich wirklich um Solidarität.

Kadioglu: Das waren meine Beobachtungen, während ich im sozialen Bereich gearbeitet habe. Das war lange her. Aber hier habe ich die Erfahrungen und Beobachtungen bei türkischen Mädchen gesammelt und das ist (jetzt) auch nicht so viel anders geworden. Sie haben zwar recht und ich habe auch von einer Zwangsverheiratung geredet. Nun ich sehe immer wieder, ich mußte immer wieder feststellen, daß die Mädchen selber auch diese Heirat gebilligt haben. Sie können sich absolut nicht vorstellen, ohne Verheiratet zu Hause stehen zu bleiben. Berrakkarasu: Das liegt aber daran, weil die Mädchen darin eine Befreiung sehen. Es ist nicht so, daß sie sagen, daß sie die Ehe unbedingt akzeptieren, sondern sie sehen darin eine Befreiung von der Familie. Sie glauben, wenn sie heiraten, würde es ihnen besser gehen. Die internationale Unterdrückung der Frau ist ja nicht islamisch, das wissen wir aus Islam. Es ist wichtig, daß eine Frau die verheiratet wird, vergewaltigt wird. Und das finde ich wichtig herauszustellen. (zu Kadioglu) Es ist kein Angriff auf das, was sie gesagt haben. Wir dürfen uns nicht über Nationalität identifizieren, sondern wir identifizieren uns auch als Schwester, als Mutter, als Tochter, das sind alles Teile, die nur unserer Identifikation beitragen. Es wird mir zu sehr herausgestellt, daß wir Türkinnen sind, aber unsere Probleme der Frauen sind überall. Es ist wichtig, daß die Identifikation nicht nur über Nationalität stattfindet. Ich identifiziere mich auch über die Dinge, die ich mache.

Kadioglu: Es gibt kaum unter diesen Frauen eine feministische Bewegung in der BRD. Das habe ich nicht gesehen. Ich bin vielleicht keine Feministin, aber jahrelang versuche ich in diesem Bereich irgendetwas zu erreichen, auf jeden Fall zur Verbesserung der Frauen in der BRD in verschiedenen Richtungen. Bei diesen Mädchen ist Feminismus kaum ein Begriff. Assimilation ist sowieso nicht möglich, sie werden jahrelang ihre Identität vielleicht nicht gerade als Türkin, aber als Ausländer und Andersartige behalten. Das haben wir auch in der Geschichte gerade, wo die Ostdeutschen ihre Türen aufgemacht haben. Integration ist für mich ein sehr schwammiger Begriff. Integration haben diese Mädchen und Jungen der 2. und 3. Generationen, weil sie zum Teil besser Deutsch sprechen als Türkisch. Was die Integration betrifft: sie bekleiden sich aber auch - was von der alten Seite immer wieder gefragt wird - heute nicht so sehr traditionell, wenn zu einer traditionellen Gruppe gehören. Sie benehmen sich auch in der Schule nicht wie typisch türkische Mädchen, das sich seinerseits in der Türkei eventuell benehmen würde (z.B. sie können ihre Meinung frei ohne Hemmung äußern, während die türkische Mädchen in der Türkei erzie-hungsbedingt Hemmungen haben, weil sie in den Schulen ihre Meinung nie offen aussprechen dürfen und deshalb sind sie in der Gesellschaft sehr gehemmt). Ich sehe die türkische Mädchen hier. Meiner Meinung nach sind sie sehr stabil und wissen, was sie wollen. Es gibt sehr wenige, die hin und her pendeln und wissen absolut nicht, wie sie mit ihrer Umwelt zurecht kommen sollen. Ich muß auch von meiner Erfahrung erzählen. Ich habe vor vielen Jahren in Köln bei einem Projekt gearbeitet, wo wir uns besonders mit gefährdeten türkischen Mädchen beschäftigt haben. Gefährdete Mädchen heißt, daß sie sich durch Männer oder Drogenmafia in die Prostitution geben oder Selbstmordversuche unternommen haben oder planen und zu uns kommen, um Hilfe zu suchen. Köln hat einen Großstadtcharakter. Es gibt auch vielfaltige Problematik der 2.-3. ausländische Generation, auch bei Jungen. Es gibt nicht nur Mädchenprobleme. Ich habe selber meine Schüler vom Bahnhof nach Hause gebracht, die dort auf den Strich gegangen sind. Ich habe auch zum Teil, die Mädchen vom Hotelzimmer nach Hause geholt, die durch Heiratsversprechungen von Männern betrogen und sitzengelassen wurden. Sie hatten auch keine andere Möglichkeit, weil sie nicht in das Elternhaus zurückgehen konnten. Andererseits gibt es eine sehr positive Entwicklung, daß 5000 türkische Studentinnen an den Hochschulen studieren, das ist für mich enorm viel und sehr positiv. Diese Entwicklung hat sehr langsam in diesen 30 Jahren stattgefunden. Dies ist gerade deshalb positiv, weil diese Mädchen Eltern haben, die eingewiligt haben (und selber eventuell keine Schule besucht haben) und vorwiegend aus ländlichen Gebieten kommen.

Anmerkung: Viele Mädchen sind hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen und niemand kann ihnen helfen. Es wäre sinnvoll Beratungs- oder Anlaufstellen zu gründen, wo sie im Falle der Verheiratung oder andere Problemen Rat suchen können.

Anmerkung (Acisu): Es geht nicht unbedingt Gleichberechtigung. Es ist eher ein psychisches Problem. Es gibt kein Handlungsmuster nach der sie sich orientieren können. Sie leben in zwei Gesellschaften, von der türkischen Seite wird die Liebe zu Eltern und zur Heirat vermittelt. Aber in der anderen Gesellschaft hat man sich eingelebt und mit diesen Bedingungen möchte man leben. Ob es sich ändern soll und wie es sich ändern soll, das ist eigentlich die Frage und nicht ob es Generationsprobleme gibt.

Kadioglu: Die erste Frauengeneration lebt mit festen Normen und Werten, die sie von zu Hause mitgebracht haben. Aber die 2.-3. Generation lebt in einer Konfliktsituation: türkische Gesellschaft einerseits und deutsche Gesellschaft andererseits und diese widersprechen sich zum größten Teil. Da muß die 2.-3. Generation von Mädchen eine Identität finden und das ist nicht einfach. Da fängt Identitätskrise und sie weiß nicht, wo sie hingehört. Aber wenn sie sagt sie gehöre zur deutschen Gesellschaft, dann werfen ihre Eltern ihr vor, daß sie sich von der türkischen entfremdet hatte und sie nicht haben würde. Andererseits will sie dies alles nicht verlieren. Es gibt auch Drohungen, daß sie wieder in die Türkei geschickt wird. Was kann ein Mädchen in dieser Situation machen?