Der Rollenwandel der türkischen Frau in der BRD unter Berücksichtigung der Arbeitsmigration

Süheyla Kadioglu, M.A., Bonn

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Die Emigration der türkischen Frauen nach den europäischen Aufnahmeländern seit Beginn der 60er Jahre fand im allgemeinen aufgrund der alleinigen Entscheidung der Männer statt. Auch im Fall der Alleinreise einer Frau spielte ein männlicher Verwandter (Vater, Ehemann, evtl. auch Bruder) die letzlich entscheidende Rolle. Der größte Teil dieser Frauen machte den Auswanderungsprozeß passiv mit. In den 30 Migrationsjahren sind sie in Gesellschaft und Beruf stille Begleiterinnen ihrer Ehemänner geblieben. Zwar beinhaltet eine Auswanderung an andere Orte ein Stück Bereitschaft, wenn auch zum Teil unbewußt, sich zu ändern oder sich zu entwickeln, doch leben die türkischen Frauen hier in einem oder oftmals in mehreren Spannungsverhältnissen, die sie zumeist nach außen nicht austragen können. Denn die Diskrepanz zwischen den eigenen Werten und Normen und denen der Gesellschaft außerhalb ist sehr groß, und zur Bewältigung solcher Spannungsfelder werden in der Migration besonders hohe Anforderungen gestellt.

Derzeit gibt es in der deutschen Gesellschaft drei verschiedene türkische Frauengenerationen, und die Bewältigung der Konfliktsituationen fällt einer jeden türkischen Frauengeneration unterschiedlich schwer. Trotzdem können wir sagen, daß die erste Frauengeneration, die mit einer gefestigten Sozialisation mit stark traditionellen Elementen nach Deutschland kam, es am schwersten hat. In der Regel steht sie gesellschaftlich abseits, da sie die traditionelle Frauenrolle nicht aufbrechen kann und wegen geringer Bildungsvoraussetzung oft nicht die Msglichkeit hat, sich außerhalb sowie innerhalb Familie zu behaupten und durchzusetzen. Im Verhältnis zur ersten sind die zweite und dritte Generation etwas besser daran, weil sie zum Teil durch Schule und berufliche Ausbildung etwas erreicht haben, woraus sie einen Rückhalt gewinnen können. Die Spannungen mit dem deutschen Umfeld und auch untereinander sind in einer Weise ineinandergeflochten, daß sie oft nicht unabhängig voneinander gelöst und betrachtet werden können. Die Konfliktfelder, die hier im einzelnen vorgetragen werden, sind nämlich nicht unbedingt migrationsspezifisch. Sie können normale Eheprobleme unter Eheleute sein oder Generationskonflikte oder auch einfach zwischenmenschliche Probleme. Sie gewinnen aber auch durch die Migration eine besonders große, zum Teil auch dramatische Bedeutung. An dieser Stelle muß gesagt werden, daß die türkischen Frauen in der BRD wie in der Türkei kein einheitliches Bild abgeben. Sie zeigen aus verschiedenen Gründen u.a. aufgrund des West-Ost-, Stadt-Land-Gefälles Abweichungen voneinander. Trotz ähnlicher Verhaltensweisen und mancher gemeinsamer Merkmale dürfen ihre Fälle nicht verallgemeinert und pauschal allen insgesamt zu eigen gemacht werden. In meinen Ausführungen werde ich u.a. auch diese unterschiedlichen Merkmale aufweisen und vermitteln, daß vieles lebenspezifische oder migrationsspezifische Probleme sind und nicht unbedingt türkenspezifische.

In der BRD leben heute im Alter von 18 bis über 65 Jahre 478.700 türkische Emigrantinnen (1). Sie bilden in dieser Altesstufe die Hälfte der gesamten türkischen Emigranten. Anfangs der Auswanderungsjahre sah das Bild etwas anders aus. Ihre Zahl lag nämlich in den Jahren von 1961 bis 1967 nur etwa bei 13%. Sie kamen insbesondere aus den Städten und der größte Teil davon hatte zumindestens die Grundschule absolviert. Ihr Bildungsstand lag also etwas höher als der ersten folgenden Frauengeneration, die durch die Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen ist. Viele unter den ersten Wirtschaftsauswanderinnen kamen ohne eine männliche Begleitung nach Deutschland. Die ökonomische Notsituation vollbrachte damit seinerzeit etwas Ungewöhnliches, ja fast Einmaliges, was während der in der Türkei sehr ausgeprägten Binnenwanderung nicht möglich war. "So waren auch seinerzeit die im Bundesgebiet beschäftigten verheirateten Türkinnen in relativ großer Zahl ohne ihren Ehemann in der Bundesrepublik. Bei den verheirateten Ausländerinnen, die sich zu 92 % mit ihrem Ehemann in der BRD aufhalten, ist der diesbezügliche Anteil bei den Türkinnen mit 85 % am niedrigsten".(2) 78 % dieser Frauen waren bei ihrer Abreise verheiratet und 22 % ledig.(3)