National-definierte kulturelle Identität -
Eine Begriffsanalyse und ihre Konsequenzen für die interkulturelle Kommunikation

Dipl. Soz. Meral AKKENT, Nürnberg

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Mein Anliegen in diesem Beitrag ist es, ein Konzept zu diskutieren, in welchem diese Tatsache für die interkulturelle Kommunikation als eine selbstverständliche Grundlage betrachtet wird. Ich sehe darin eine mögliche Chance in der Arbeit gegen Ausgrenzungsstrukturen. Gegenstrategien zu kulturzentristischen und ethnozentristischen Denk- und Handlungsmustern in der Arbeit für interkulturelle Kommunikation haben wir bisher zweifellos verschiedene pädagogische Entwürfe und eine Fülle neuer Gesichtspunkte für die Praxis gebracht. Ein großer Teil dieser Entwürfe stützt sich jedoch auf beschreibende Darstellungen der Herkunft von Erwachsene und Jugendliche nicht-deutscher Herkunft, deren Brauchbarkeit stark schwankt. Darstellungen über MigrantInnen, ob es sich nun um Kinder, Jugendliche oder um Erwachsene handelt, haben stereotype Anschauungen über das Verhalten der einzelnen Migrantengruppen mitunterstützt und teilweise auch regelrecht erzeugt und pädagogische Ansätze angeregt, die sich auf national-definierte "Kulturzugehörigkeiten" beziehen. Solche Herangehensweisen wiederum, obwohl sie größtenteils unbegründet sind, führten und führen zu zähen und hartnäckigen Stereotypen. Die Bereitwilligkeit zahlreicher WissenschaftlerInnen und PädagogInnen die Identität des Individuums in dieser reduzierenden und festlegenden Weise zu behandeln, ist auch angesichts der Ungenauigkeit des Begriffs einer "national-definierten Identität" recht überraschend.

Ein Konstrukt: national-definierte Kulturelle Identität

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt national-homogen definierter kultureller Identität macht zudem deutlich, daß wir uns davor hüten sollten, von einheitlich und statisch gedachten und angeblich widerspruchsfreien Identitäten zu sprechen. Ausgehend vom interaktionistischen Identitätskonzept stellt sich Identität als ein dynamischer Prozeß dar. Die zugeschriebenen Identitätsfaktoren wie Geschlecht, Alter und Herkunft, die in aller Regel nicht selbst gewählt werden können, sind offen für ständige Veränderungen, die durch die jeweilige Lebensgeschichte beeinflußt werden.

Es kann beispielweise zu einem Identitätsfaktor werden, was eine Person besitzt oder woran sie teil hat und welches Ansehen sie in den Augen der anderen genießt. Wie wir alle wissen, kann sich dies sehr schnell ändern, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, die Wohnung verlassen werden muß, das Haus gepfändet wird usw. Die Alltagserfahrungen mit sozialen Beziehungen befinden sich ebenfalls in einem ständigen Veränderungsprozeß. Und wir können uns beispielweise zwar alle als Frauen verstehen und trotzdem sehr unterschiedliche Identitätsaspekte etwa als Mutter, als Fabrikarbeiterin, als Einwandererin, als emanzipierte Frau usw. in den Vordergrund stellen, ja mehr noch und als emanzipierte Mutter oder als emanzipierte Einwandererin, als eingewanderte Fabrikarbeiterin oder als eingewanderte Mutter verstehen usw. Nicht selten gehen all diese Identitätsaspekte durch eine einzige Person hindurch und können miteinander in Widerspruch geraten. Und dabei haben wir hier noch nicht einmal davon gesprochen, daß es bespielweise - wenn wir noch genauer hinsehen - auch nicht die Identität der emanzipierten Frau gibt und es sich immer um bestimmten Frauen mit bestimmten Geschichten und Erfahrungen usw. handelt.