National-definierte kulturelle Identität -
Eine Begriffsanalyse und ihre Konsequenzen für die interkulturelle Kommunikation

Dipl. Soz. Meral AKKENT, Nürnberg

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Das Bild von den einheitlichen, statischen und widerspruchsfreien Identitäten beschreibt die Wirklichkeit nicht nur genau, sondern sogar falsch. National-definierte Kulturzuschreibungen vernachlässigen all diese unterschiedlichen Aspekte von Identität, die sich in ständigen Veränderunsprozessen befinden, zugunsten einer statisch und homogen gedachten nationalen Kultur. Solche Zuschreibungen stellen für eine gleichberechtigte Kommunikation in einer multikulturellen Gesellschaft einen regelrechten zusätzlichen Hemmungsfaktor dar und sind von daher auch für den Anspruch interkultureller Kommunikation völlig ungeeignet. Wie absurd für die Einzelnen national definierte Kulturzuschreibungen sind, soll mit den sechs Beispielen von jungen Frauen aus Istanbul verdeutlicht werden. Ich gebe hier nur sehr oberflächlich und stichwortartig einige Aspekte wieder, die etwas mit der jeweiligen Identität dieser Frauen zu tun haben:

  • Erste Frau: städtische Herkunft, Malerin, Atheistin, verheiratet, Mutter, ein Kind.
  • Zweite Frau: städtische Herkunft, Herausgeberin einer islamischen Frauenzeitschrift, ledig.
  • Dritte Frau: städtische Herkunft, Hausfrau, Mutter, zwei Kinder, Grundschulabschluß.
  • Vierte Frau: städtische Herkunft, Prostituierte, ledig.
  • Fünfte Frau: städtische Herkunft, aktiv in einer feministischen Frauengruppe, verheiratet, Mutter von drei Kindern, abgebrochenes Philosophiestudium.
  • Sechste Frau: städtische Herkunft, Arbeiterin, Mittelschulabschluß, geschieden.

Was für eine national-definierte kulturelle Identität verbindet diese jungen Frauen, welche gemeinsamen Wertvorstellungen, Zukunftspläne, Berufswünsche und Erziehungsmethoden sind vorhanden, welche Eß- und Musikkultur, was für eine Art und Weise der Lebensgestaltung haben diese Frauen gemeinsam? Das Frausein scheint zunächst der einzige Berührungspunkt zwischen ihnen zu sein. Sogar in einem überschaubareren Lebensraum wie dem einer Stadt kann von einer kulturellen Identität, die für alle gültig sein soll, nicht die Rede sein. Es gibt in dieser Stadt selbstverständlich mehrere Kulturen und Lebensweisen, die in Auseinandersetzung mit dem sozioökonomischen Lebensraum dieser Stadt entstanden sind.