National-definierte kulturelle Identität -
Eine Begriffsanalyse und ihre Konsequenzen für die interkulturelle Kommunikation

Dipl. Soz. Meral AKKENT, Nürnberg

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Einleitung

Der Begriff Kultur steht selten allein. Häufig tritt er mit Attributen oder in einem zusammengesetzten Begriff auf, wie etwa in materieller Kultur, Hochkultur, Arbeiterkultur, Subkultur, Männerkultur, Frauenkultur, Kulturtragende, Kulturschöpfer u.S. Diese Attribute oder Zusammensetzungen machen auch deutlich, daß der Begriff Kultur oft hierarchisch wahrgenommen wird. In politischen Diskussionen in Bezug auf Migrantinnen werden überwiegend national-definierte und zur Abgrenzung dienende Aspekte wie die Einheit der Sprache, moralische Anschauungen oder Lebensgewohnheiten in den Vordergrund gestellt. Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage wie die Begriffe Kultur, multikulturell, kulturelle Identität, Kulturvergleich und Kulturzentrismus in diesem Beitrag verstanden werden.

Ich finde es wichtig, zunächst darauf hinzuweisen, daß ich den Begriff Kultur grundsätzlich unabhängig von national-definierten Zuschreibungen gebrauche. Dieser Verwendung des Begriffs Kultur liegt das Verständnis zugrunde, daß - sozioökonomisch bedingt - mehrere Lebensformen, die ihrerseits Kulturgruppen bilden, innerhalb der gleichen sogenannten nationalen oder ethnischen Gruppe gleichzeitig existieren. Somit kann prinzipiell jede Gesellschaft als multikulturell begriffen werden; sie werden es - so gesehen - nicht erst durch die Einwanderung von Menschen aus sogenannten "fremden Kulturen" . Dies bedeutet jedoch auch, daß wir bei einem "Hinzukommen" von Migrantinnen in einer Gesellschaft darauf achten müssen, daß die Zuwanderinnen unabhängig von ihrem Herkunftsland oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit durchaus bereits verschiedenen Kulturgruppen angehsren, die möglicherweise z.T. auf gleiche oder ähnliche Erfahrungen zurückgreifen wie die paralellen Sichtigung des sozialen Kontextes der Biographien von einheimischen und eingewanderten sollte in der Praxis jedoch nicht den Blick für die spezifische gesellschaftliche Lage von Migrantinnen (etwa hinsichtlich rechtlich- administrativer Aspekte, hinsichtlich vielfältiger Formen von Diskriminierung usw.) ausschließen. Wenn wir wichtige Merkmale gegenwärtiger gesellschaftlicher Veränderungen, die von übergreifender Bedeutung sind, kennzeichnen wollten, so wären als zentrale Momente die stets schneller fortschreitende Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung zu nennen, gesellschaftliche Prozesse, die in immer höherem Ausmaß individuelle Mobilität erzwingen. Es ist eine gesellschaftliche Wirklichkeit, daß jede Kulturgruppe vor dem Hintergrund differenzierter Lebensräume mit solchen Veränderungsprozessen unterschiedlich umgeht. Anders formuliert bedeutet dies, daß Kulturgruppen, die über gleiche oder ähnliche Erfahrungswerte verfügen, möglicherweise auf optimale Grundlagen für eine gemeinsame Kommunikation zurückgreifen können, obwohl sie durchaus unterschiedlichen nationalen oder ethnischen Gruppen zugeordnet werden.