Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Der Zusammenhang zwischen dem Sozialprestige der akademischen Bildung und der Entwicklung des Arbeitsmarktes für Wissenschaftlerinnen

In der international vergleichenden Frauenforschung wird die These vertreten, daß der Zugang von Frauen zu akademischen Berufen und Positionen von der gesellschaftlichen Anerkennung der Bildung (von der sozialen Exklusivität der Bildungsinstitutionen, dem Sozialprestige von akademischen Berufen, Laufbahnbestimmungen und Grad der Professionalisierung) und auch von der Arbeitsmarktsituation für Hochqualifizierte (von der wirtschaftlichen Entwicklung und der Industrialisierung des jeweiligen Landes) abhängt (vgl. I. Costas 1992).

Zunächst soll geprüft werden, ob auf türkische Wissenschaftlerinnen zutrifft, daß in Abhängigkeit von dem Sozialprestige der Professionen und der wirtschaftlichen Honorierung von beruflichen Leistungen auch innerhalb der akademischen Berufe eine Segregation entlang der Trennlinie der Geschlechter existiert.

Die akademischen Berufe und Professionen haben in der Türkei eine kurze Tradition, der Neubeginn nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vor siebzig Jahren eröffnete programmatisch den gleichberechtigten Zugang für Frauen zu diesen Berufen.

Für die "Pionierinnen" in den akademischen Berufen und Positionen gab es keine Vorbilder aus den vorangegangenen Generationen, es gab damit keine Berufe, die für Frauen als "nicht geeignet" eingestuft wurden (vgl. Öncü 1985), und damit auch nicht die Tradition von "Männerberufen" und "Frauenberufen".

Der hohe Anteil von Professorinnen an der Gesamtzahl des wissenschaftlichen Personals im Vergleich zu ihrem Anteil in den Geisteswissenschaften in der Gründerzeit der Universitäten belegen dies (vgl. Tabelle 10).

Auch heute befindet sich mehr als die Hälfte aller ordentlichen Professorinnen (53%) in medizinischen Fakultäten, die sogenannten Frauenfächer wählen sie demgegenüber seltener (5% der ordentlichen Professorinnen arbeiten in den Geisteswissenschaften, 3,3% in der Pädagogik; vgl. Acar 1990).

Im türkischen Hochschulsystem existiert eine hierarchische Stufung zwischen den einzelnen Universitäten, die sich an der Auswahl der Studenten und Studentinnen und an der Förderung und Berufung des wissenschaftlichen Personals, an der Forschungsausstattung und der öffentlichen Anerkennung festmacht. Der Zugang von Frauen zu diesem Universitätssystem gestaltet sich jedoch keineswegs proportional zu der Hierarchie der Institutionen. Berücksichtigt man die Fächerverteilung, ist der Anteil von Wissenschaftlerinnen in den "Elite"-Universitäten relativ hoch. Die höchsten Frauenquoten unter den Wissenschaftlern sind in den älteren traditionsreichen Universitäten des Landes und den in den Metropolen und die geringsten Quoten in den neugegründeten Universitäten der Provinzstädte anzutreffen (vgl. Tabelle 11).

Die zweite Frage betrifft den Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Lage des Landes, der Arbeitsmarktsituation für Akademiker und Akademikerinnen und der Berufstätigkeit von Frauen.

Die wirtschaftliche Situation des Landes: Industrialisierung seit den fünfziger, Binnenmigration seit den sechziger Jahren, hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflationsrate, zwingen viele ungelernte Frauen aus den Randgebieten der Metropolen, in der Schattenwirtschaft zu arbeiten. Das ermöglicht wiederum den Frauen aus der oberen Mittelschicht, sich des Reservoirs billiger Arbeitskräfte für Hausarbeit und Kinderbetreuung zu bedienen (vgl. Öncü 1989 und Acar 1990).