Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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wiss. Personal Studierende
Universität Ankara 28,8
Hacettepe Universität, Ankara 34,0 32,3
MittelOst Technische Universität, Ankara 22,4
Istanbul Universität 31,2
Istanbul Technische Universität 16,2 27,5
Bosporus Universität, Istanbul 31,1
Atatürk Universität, Erzurum 10,6 13,8
Schwarzmeer Technische Universität, Trabzon 10,0 11,6
Euphrat Universität 7,3 18,1
Durchschnittlicher Frauenanteil in allen Universitäten 25,4 26,0

Tabelle 11: Anteil von Frauen an den ausgewählten Universitäten in der Türkei im Wintersemester 1980/81 (In Prozent)
Quelle: Köker, Ankara 1988


Das Problem der Doppelbelastung der berufstätigen Frauen, in der Bundesrepublik die meistgenannte Benachteiligung, kennen die türkischen Wissenschaftlerinnen also nicht. Allerdings wird die Berufstätigkeit der Frau ohne eine ernsthafte Bedrohung für die traditionellen Beziehungen und der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern realisiert. Das kulturell akzeptierte Frauenbild als Ehefrau und Mutter hat also selbst für eine Professorin seine Gültigkeit nicht verloren (vgl. Köker 1988).

Durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung in den achtziger Jahren sind jedoch diese Rahmenbedingungen für die Berufstätigkeit von Frauen in einem schnellen Wandel begriffen. Zwar ist der Beruf der Professorin hoch angesehen, aber die finanzielle Honorierung der wissenschaftlichen Arbeit hält kaum Schritt mit der Bezahlung einer qualifizierten Arbeit in der freien Wirtschaft. Kaum ein Professor kann allein von seinem kargen Beamtengehalt existieren. Die Entwicklung in der freien Marktwirtschaft sortiert möglicherweise in der Zukunft Frauen und Männer in die gut und weniger gut bezahlten akademischen Berufe.

Hinzu kommt, daß die Delegation von Haus- und Familienarbeit durch die steigenden Löhne für Haushaltshilfen, den zunehmenden Ausbil- dungsgrad der Frauen aus der Unterschicht, die wachsenden Erwerbs- angebote aus der industriellen Produktion auch für ungelernte Frauen bald nicht mehr zu finanzieren sein wird.

4. Schlußwort

In der türkischen Frauenforschung werden die möglichen Einflüsse dieser wirtschaftlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Wandels in den achtziger Jahren auf die Berufstätigkeit von Wissenschaftlerinnen diskutiert. In der Forschung ist dabei ein Paradigmenwechsel festzustellen: Während noch in den siebziger Jahren die gesellschaftliche Lage als fortschrittlich, modern und zukunftsorientiert beschrieben und die erreichte Gleichberechtigung von Frauen bestätigt wurde, gibt es eine zunehmend differenzierte und skeptische Rezeption der Lage von Frauen in der Türkei. Dabei wird von einem umfassenden Begriff der Emanzipation ausgegangen, der das gesellschaftlich gezeichnete Bild der Frau ebenso umfaßt wie die Stellung der Frau in der Familie. Wir müssen uns unsererseits skeptisch fragen, ob die Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft und im Bildungssystem automatisch zu gleichberechtigter Teilhabe von Frauen an gesellschaftlichen Gütern führen, oder ob sie zugleich und vielmehr zur Modernisierung der Ungleichheit beitragen.

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