Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Das Bildungssystem in der Türkei

Die türkische Schule gliedert sich im konsekutiven Aufbau in eine fünfjährige Grundschule (ilkokul), eine dreijährige Mittelschule (ortaokul) und eine dreijährige Oberschule (lise), die mit der allgemeinen Hochschulreife (lise diplomasi) abschließt.

Bild 1: Altersaufbau der Bevölkerung der Türkei und der BRD 1985

Allgemeine Schulpflicht besteht für Kinder im Alter von sieben bis zwslf Jahren, d.h. in der fünfjährigen Grundschule. Es ist geplant, die Schulpflicht um drei weitere Jahre zu verlängern. Der Besuch der staatlichen Schulen (und Hochschulen) ist gebührenfrei, der Unterricht erfolgt koedukativ. Trotz der Expansion des Schulwesens seit Mitte der siebziger Jahre ist das staatliche Schulangebot in der Türkei nicht ausreichend ausgebaut, es ist vor allem hschst ungleich verteilt: In den Bildungsstandards, in der Ausstattung der Schulen und in Betreuungsverhältnissen bestehen große Unterschiede und ein starkes Gefälle zwischen West- und Ost-Türkei, zwischen den Metropolen und der Provinz und zwischen den reicheren und ärmeren Stadtteilen der Großstädte. Neben dem staatlichen Schulwesen existieren eine Reihe türkischer und ausländischer Privatschulen, die ein hohes Schulgeld verlangen. Insbesondere die Absolventen der ausländischen Schulen sind erfolgreich bei den Aufnahmeprüfungen der Universitäten. Deshalb ist der Ansturm von Bewerbern auf diese Schulen trotz hoher Gebühren sehr groß. So werden viele Kinder bereits ab dem 3. Schuljahr (9. Lebensjahr) mit intensivem Nachhilfeunterricht für die Aufnahme in Privatschulen vorbereitet.

In der Türkei wurde das Hochschulwesen seit Mitte der siebziger Jahre stark ausgebaut, insbesondere wurden in Großstädten der Provinz neue Universitäten gegründet bzw. bestehende Einrichtungen umgebaut. Zur Zeit existieren im ganzen Land 27 Universitäten. Nach einer Abnahme der Studentenzahlen Anfang der achtziger Jahre (nach dem Militärputsch 1981 wurden die Universitäten geschlossen) betrug die Zahl der Vollzeit-Studenten 1986 eine halbe Million (505,1 Tsd.). Damit studierten in der Türkei 9% eines Altersjahrgangs an den Hochschulen des Landes.

Bild 2: Der Aufbau des türkischen Schulsystems

Die Bewerbungen für ein Hochschulstudium sind zahlreich, weil ein Universitätsdiplom in geeigneten Fächern (insbesondere Technikwissenschaften, auch Medizin, zunehmend Informatik, Betriebswirtschaft und Managementfächer) den sozialen Aufstieg ermsglicht. Der Zugang zur Universität wird mit einer jährlichen zentralen Aufnahmeprüfung geregelt. Nur ca. 10% der Bewerber werden angenommen.

Die Universitätsaufnahmeprüfungen sind jeweils ein großes, sffentlich stark diskutiertes Ereignis. In Tageszeitungen werden Hit-Listen der Schulen bzw. LehrerInnen, die erfolgreiche Bewerber "produzieren", aufgestellt, Lebensgeschichten von erfolgreichen Bewerbern (die übrigens nicht selten Frauen sind) ausgebreitet usw. Auch gibt es eine Reihe von Untersuchungen über die Erfolgsbedingungen, die soziale Herkunft, die schulische Bildung von Bewerbern.

Das Ergebnis zeigt, daß die Zulassungsprüfung ein sozial hoch selektives Instrument ist. Der Erfolg ist abhängig von der sozialen Herkunft, dem Beruf des Vaters und dem Ausbildungsstand der Mutter, der regionalen Herkunft, der Ausstattung der Schule und dem skonomischen Zustand des Schulviertels.